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Vortrag von Herrn Oberkreisdirektor Gerhard Kilian
im Rahmen des FORUM GRENZENLOS am 29.09.1999 in Helmstedt
Das FORUM GRENZENLOS", zu dem wir Sie eingeladen haben, stellt ein ergebnisoffenes Experiment dar! Dies gilt ganz besonders für diese erste Tagung! Der Ablauf soll daher im Sinne eines Workshops offene Strukturen haben. Ihre Anwesenheit zeigt mir, daß Sie bereit sind, sich als kompetente Partner auf unser Experiment einzulassen! Dies erkläre ich mir damit, daß unser Thema aus Ihrer Sicht ein diskussionswürdiger und dikussionsbedürftiger Gegenstand ist.
Sie, meine Damen und Herren, vertreten jede/jeder für sich eine bestimmte Grenzsituation in Person. Anhand der Teilnehmerliste können Sie erkennen, daß wir versucht haben, Persönlichkeiten aus Gebieten an allen deutschen Grenzen hier ein Forum zu bieten, um über die Situation an Grenzen zu sprechen und Erfahrungen auszutauschen.
Ich möchte mir erlauben, Ihnen im folgenden zur Zielsetzung des FORUMS GRENZENLOS eingehendere Erläuterungen zu geben:
Vielleicht ist es uns gemeinsam möglich, während der Tagung oder am Abend beim gesellschaftlichen Miteinander, zu dem ich die geladenen Gäste hiermit herzlich einlade, über die Zukunft und Fortführung des FORUMS GRENZENLOS zu diskutieren. Jetzt wollen wir jedoch zuerst einmal starten.
Wie entstand die Idee?
Der Landkreis Helmstedt und seine kreisangehörigen Gemeinden sind, wie Sie sich sicherlich vorstellen können, in besonderer Weise mit dem Thema Grenze" verbunden. Hier an diesem Ort, in Helmstedt, war die westliche Welt zu Ende. Der sowjetische Machtblock lag vor unserer Tür. Mit dieser Situation haben wir mehr als vierzig Jahre gelebt, wir haben aber auch die Aufhebung der Grenze und die Nachwirkungen seit zehn Jahren erfahren. Einzigartig in Deutschland ist bis heute die Konzentration erlebbarer Grenzgeschichte im Raum Helmstedt. Davon werden Sie im Laufe des Tages noch mehr erfahren, wenn wir z. B. heute Nachmittag alle diese denkwürdigen Orte besuchen werden und uns gemeinsam auf die Grenzenlos-Tour" begeben.
Es lag also nahe, sich mit der über Jahrzehnte andauernden Trennung gerade dann eingehend zu beschäftigen, wenn diese Trennung auf die uns allen bekannte Art und Weise überwunden werden konnte. Kennen Sie ein Land, das ähnliches erlebte? Es gibt nach meiner Ansicht keinen vergleichbaren Fall. Das, was hier geschah ist einzigartig gewesen. Für uns war es wie ein Wunder - es war unvergleichlich, was geschah - dieser historische Grenzfall - hautnah erlebt.
Die Idee lag nun nahe, die ehemaligen Grenzeinrichtungen und die Geschichte der Trennung und friedlichen Überwindung zu dokumentieren und im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und erlebtem Alltag darzustellen. Die Stadt Helmstedt hat hier eine entsprechende Initiative umgesetzt und den Verein Grenzenlos - Wege zum Nachbar" gegründet, in dem u.a. der Landkreis Helmstedt Gründungsmitglied geworden ist.
Unsere Idee war es dann in der Folge dessen, daß wir seitens des Landkreises uns ganz speziell dem Thema Grenze widmen wollten, um u.a. administrative Aspekte einzubringen, um mit Praktikern über die Grenzalltage zu sprechen und damit einen Erfahrungspool zu gestalten, der internationale Aufmerksamkeit erzielen soll.
Nachdem nun die Euphorie der ersten Tage dem Tagesgeschäft des Zusammenwachsens gewichen ist, mußten wir neue Wege in der Zusammenarbeit aber auch völlig neue Wege in der Standortbestimmung gehen.
Welche Fragen haben wir uns gestellt, um das Thema Grenze zu bearbeiten?
Jedem ist klar, daß Grenzen seit Menschengedenken existieren. Beginnend mit der ersten urkundlich erwähnten Abgrenzung als Folge des Sündenfalls ist auch gleichzeitig einer der wesentlichen Aspekte der Grenze proklamiert worden - der Verbotscharakter einer Grenze. Bis in die jüngste Vergangenheit hat genau dieser Aspekt hier vor Ort alles Leben dominiert. Grenzen stören den Verkehr, sie scheiden Menschen, die zueinander kommen wollen, sie erschweren und verhindern den Austausch von Gütern und Gedanken. Wenn im politischen Raum von Grenzverletzung gesprochen wird, entsteht schnell der Eindruck, daß es sich um das Leid eines Staatskörpers handelt und nicht um das von eingesperrten Bürgern. Wie also läßt sich der Verbotscharakter erklären, wie kam er zustande und wie versuchte man, ihn zu überwinden?
Grenzen sind meist das Ergebnis von Wanderungen, Eroberungen und Kriegen - selten das Resultat gütlicher Einigung. Grenzen bezeichnen Linien, an denen Bewegung vorübergehend zur Ruhe gekommen ist, wo Kraft und Widerstand einen Ausgleich finden. Kein Mensch hat je behauptet, daß dieser Ausgleich stabil ist. Wird von einer Seite befürchtet, daß eine Verschiebung oder gar Öffnung stattfinden könnte, werden Grenzen umgewandelt in eine Front, werden versehen mit Gräben, Mauern, Stacheldraht, Selbstschußanlagen, sie werden zu einer Grenzwehr! Eine Landwehr kannte Helmstedt ebenso wie seine Stadtbefestigung übrigens schon im Mittelalter. Das ist die strategische Komponente der Grenzsicherung. Sie spielt heute auch noch eine Rolle, vor allem wenn man an die Ostgrenzen der Bundesrepublik Deutschland kommt, die gleichzeitig EU-Außengrenze ist. Gibt es vergleichbare Charakteristika zwischen der ehemaligen innerdeutschen und der aktuellen Ostgrenze Deutschlands? Was kosten solche Einrichtungen wenn es darum geht die Logistik, das Personal etc. vorzuhalten? Wie wird damit im Sicherungsalltag umgegangen? Welche persönlichen und institutionellen Probleme sind damit verbunden?
Erst unlängst hatten wir hier vor Ort so eine militärisch-politische Grenze. Zum Glück, und das hat uns die Geschichte in Deutschland selbst mehrmals gelehrt, so auch hier vor Ort, solche Grenzen verschwinden mit der Macht, die sie setzt! Welche Informationen, welche Triebfedern sind dazu notwendig?
Ein zweiter, sehr wichtiger Aspekt von Grenzen ist die Schutzfunktion. Diese Schutzfunktion ist wie auch derVerbotscharakter mythisch bedingt, allerdings als positiver Aspekt.
Es ist schon bedenkenswert, daß der Begriff pax" - Friede mit dem Wort pango" - setzen und pagus" - Gau, also einem durch gesetzte Marken abgegrenzten Gebiet, in dem Friedenspflicht gilt bzw. galt, zusammenhängt. Die Grenze ist demnach nichts Gegebenes. Sie ist vielmehr etwas mühsam zu Schaffendes, sie ist das Werk einer Einigung" mindestens von zwei Seiten, die nicht unbedingt gleich stark, aber eben beide vorhanden sein müssen. Auch hier lehrt die Geschichte - die Friedensgrenze wird vom Stärkeren gesetzt und vom Schwächeren hingenommen.
Unsere Frage hier: gibt es Möglichkeiten der gemeinsamen Kommunikation, welche Instrumente haben sich bewährt, welche nicht?
Ein dritter Aspekt von Grenze, auch positiv besetzt - ist die formgebende Kraft. Ohne Grenze lassen sich Dinge weder unterscheiden noch benennen. Die Vielfalt unserer Welt ist abhängig von der Abgrenzbarkeit ihrer Teile. Wo immer, ganz gleich in welchem Lebensraum auch immer, Neues entsteht, schafft es sich Platz, d.h. es nutzt und behauptet einen Raum. Die Aufteilung der Erde in Verfügungs- und Zuständigkeitsbereiche bestimmter Gruppen oder Individuen gehört zu den Grundbedingungen der Geschichte. Jedes abgegrenzte Territorium ist wie ein kulturelles Versuchsfeld, es ist eine Werkstatt der jeweiligen, im Territorium lebenden Gruppe. Hier ist sie zuhause, hier zeigt sich, was sie zu leisten in der Lage ist. Sind wir in der Lage, hier ein allgemeingültiges Instrumentarium anzubieten, um anderen Ländern mit ihren Grenzproblemen weiterzuhelfen??
Sie sehen, es gibt viele unbeantwortete Fragen. Wir wollen deshalb versuchen, mit dem FORUM GRENZENLOS ein Instrument zu schaffen, das sich genau solcher Fragen in einem internationalen Kontext stellt und sich auch genau dort plaziert.
Mit diesen kurzen Ausführungen wollte ich nur anreißen, welche Bedeutung Grenzen haben - welche Fragen uns hier vor Ort in diesem Sachzusammenhang wichtig erscheinen.
Sie alle können jede/r für sich diesen allgemeinen Ausführungen sicherlich weitere Gedanken hinzufügen. Das ist im übrigen auch eines der Ziele des Forums. Wir wollen miteinander reden über das Thema Grenze - wir wollen aber auch eine Abgrenzung erreichen. Die Debatte wird es zeigen, unsere Vorstellung ist es, administrative, sicherungs-strategische, logistische, wirtschaftliche und politische Instrumentierungen aufzuzeigen und im fachlichen Austausch zu dokumentieren und zu hinterfragen.
Hier vor Ort gibt es ein von der EXPO registriertes Projekt mit der Bezeichnung Grenzenlos - Wege zum Nachbarn"
e. V. . In diesem Sachzusammenhang hat sich der Landkreis Helmstedt als Vereinsmitglied entschieden, einen eigenen Arbeitsschwerpunkt zu gründen, denn wir finden daß die deutsche Grenzlandschaft aufgrund ihrer Geschichte und aufgrund der persönlichen Erfahrungen vieler Funktionsträger, die in unmittelbarem Zusammenhang mit Grenzarbeit stehen zu wertvoll ist, um sie museal zu bearbeiten.
Die deutsche Grenzlandschaft hat zwei wesentliche Charakterzüge. Zum Einen ist sie im Innern stark ausgeprägt.
Unsere inneren Grenzen lassen sich anhand des ausgeprägten Föderalismus erkennen. Sie sind, wie wir auch hier vor Ort erfahren mußten, Staatsgrenzen, zum Beispiel auch Nahtstellen unterschiedlicher Rechtssysteme.
Der zweite Charakterzug ist die relativ gut durchlässige Außengrenze, hier hat sie also eine Brückenfunktion und der dritte Charakterzug, die hermetische Abriegelung - diesen Charakterzug hat Deutschland zum Glück überwinden können.
Die mittige Lage in einem sich stets ausweitenden Europa der Regionen hat uns deshalb dazu bewegt, hier eine Sammlung, einen Pool, ein Forum zu begründen, das sich explizit mit einer ganz speziellen Grenzthematik befaßt.
Eine ganz besondere Brisanz erhält das Thema Grenze im Zusammenhang mit der europäischen Regionalisierung, und zwar mit der bis heute umstrittenen Frage nach der Definition einer Region. Hier mag es sich auch beweisen, daß Abgrenzungen administrativer Art nicht die wirklichen Lebensverhältnisse und sich selbst organisierenden Waren- und Dienstleistungsströme widerzuspiegeln in der Lage sind. Trotzdem müssen die Gebiete auch verwaltet werden, müssen Zuständigkeiten für Gerichtsbarkeiten, Arbeitsamtsbezirke, Arbeitsregionen, Förderregionen usw. bestehen und vor allem gesichert werden.
Ich hoffe, sie erkennen unsere Intention. Der Landkreis Helmstedt möchte sich als kompetenter Partner ins Gespräch mit Ihnen und allen Betroffenen begeben, um das Phänomen der Grenze aus Sicht der Praktikerinnen und Praktiker zu bearbeiten. Uns liegt viel daran, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die Grenzprobleme" aus Ihrer Sicht als an einer Grenze Arbeitende, Entscheidende, an einstigen Grenzen Wirkende beschreiben können.
Damit wäre auch das erste Ziel postuliert: Kommunikation über Grenzen, Austausch von Erfahrungen aus der Arbeit mit Grenzen im nationalen Rahmen.
Der zweite Schritt, den man bekanntlich nicht vor dem ersten Schritt machen sollte, könnte sein, daß wir unser gemeinsam erarbeitetes Know-how im Umgang mit den verschiedenartigsten Grenzen im nächsten Jahr in einen internationalen Kontext stellen, um mit internationalen Partnern über Grenzen zu sprechen. Wir denken, daß wir mit der Idee des Forums Grenzenlos ein hochaktuelles internationales Thema abdecken und daß unser Standort geeignet erscheint, die Vereinigung" verschiedener Ansprüche, verschiedener Weltanschauungen zu ermöglichen. Hier an einer der wichtigsten ehemaligen Naht- und Verbindungsstellen zwischen Ost und West zwischen konträren politischen Systemen. Die Verbindung zwischen den verschiedenen Orten der ehemaligen innerdeutschen Grenze über das Projekt Grenzenlos-Wege zum Nachbarn" und die Ergänzung dieses Angebots mit den Universitätstagen und dem FORUM GRENZENLOS stellen ein einmaliges Angebot im internationalen Kontext dar. Ich wünsche mir sehr, daß Sie uns dabei helfen, mit Ihrem Know-how und Ihren Erfahrungen dazu beizutragen, die Thematik Grenzen-los - Wege zum Nachbarn" und unser FORUM GRENZENLOS mit Leben und Wissen zu füllen.
Wir wollen mit diesem Projekt einen kleinen Standortbeitrag zur internationalen Friedenssicherung und Konfliktbewältigung leisten, in dem wir uns in die internationale Debatte um Grenzen, ihre Auswirkungen und Überwindungsmöglichkeiten einbringen und hoffentlich zukünftig gesehen auch viele weitere Gäste hier begrüßen können, um am FORUM GRENZENLOS" teilzunehmen.
Meine Damen und Herren - dem Landkreis Helmstedt liegt viel daran, daß wir heute einen interessanten Tag erleben. Ich möchte deshalb noch einmal darauf hinweisen, daß die Tagesordnungspunkte nicht als rigides Regelwerk zu verstehen sind, sondern als Orientierungsrahmen. Wir haben heute hier Gäste, die nicht als Redner eingetragen sind, deren Wissen und Erfahrung uns aber sehr wichtig ist. Ich bitte diese Damen und Herren, sich dann, wenn sie merken, daß Sie etwas zur Thematik zu sagen haben, einfach in die Diskussion einzubringen. Die Redner bitte ich um Verständnis für diese Vorgehensweise, doch ein Forum sollte alle Anwesenden die Möglichkeit geben, ihre Wortbeiträge abzuliefern. Für unsere Gäste im Plenum, die interessierten Bürgerinnen und Bürger gilt diese Aufforderung selbstverständlich auch voll und ganz.
Ich wünsche der Veranstaltung einen guten Verlauf und bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit.
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