Vortrag von Herrn Hans-Joachim Bjarsch
im Rahmen des FORUM GRENZENLOS am 29.09.1999 in Helmstedt

Das Schlagwort des Spätherbstes 1989 hieß „Wahnsinn". Nachdem am 9. November völlig unerwartet für jedermann die Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR, zwischen Ostblock und Westbündnis, plötzlich geöffnet wurde, fielen sich nicht nur Menschen in die Arme, die sich seit 40 Jahren nicht mehr gesehen hatten, sondern auch Menschen, die einander noch nie begegnet waren, die geradezu in einen Freudentaumel gerissen wurden, denn der Eiserne Vorhang war über Nacht gefallen. Daß sich die Bewohner östlich und westlich der immer stärker zementierten innerdeutschen Grenze nun frei bewegen konnten, das war der „Wahnsinn".

Nur in ganz wenigen Orten des alten Bundesgebietes war dieser „Wahnsinn" in seiner ganzen Direktheit so zu erleben wie in Helmstedt. In Helmstedt waren im Laufe von Jahrzehnten die beiden wichtigsten Grenzübergänge zur DDR und Westberlin auf Autobahn und Schienenstrang entstanden. So strömten nach diesem denkwürdigen 9. November die Menschen zwangsläufig in Helmstedt zueinander. Der 9. November ist bekanntlich ein deutscher, aber auch ein europäischer Schicksalstag, beladen mit Last und Schuld. An jenem Tag im Jahr 1918 rief Philipp Scheidemann nach dem Matrosenaufstand in Kiel unter der Führung von Reichpietsch die Republik vom Reichstaggebäude aus, Hitlers Marsch auf Berlin endete 1923 an der Feldherrnhalle in München, zwei Jahre später gründeten die Nazis die SS und im Jahr 1938 brannten am 9. November die Synagogen und splitterten die Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte. Dennoch gab es auch vor 1989 schon freudige Ereignisse an jenem Tag, wie die Geburt des Oberkreisdirektors „ze Wormbse bi dem Rhine".

Es war eine Ärztin aus Magdeburg, die genau 21.32 Uhr als erste mit ihrem Wagen am Helmstedter Kontrollpunkt eintraf, um nachzuprüfen, ob die Radiomeldung stimmt, daß freier Verkehr nach dem Westen möglich geworden ist. Ihr wie dem nachfolgenden jungen Paar - der Mann hatte auf dem Heimweg von der Arbeit die Nachricht von der offenen Grenze gehört - genügte die Bestätigung der Meldung, weshalb sie wieder im Kontrollpunkt umkehrten und ostwärts nach Hause fuhren. In den nächsten Nachtstunden schwoll der Zustrom aus der DDR an. Und in Helmstedt hatte sich die Kunde von der offenen Grenze wie ein Lauffeuer herumgesprochen, weshalb sich viele Einwohner aus Stadt und Kreis unmittelbar von der Wahrheit überzeugen wollten. Ihr Ziel war der Kontrollpunkt. Dieser 9. November war übrigens ein Donnerstag.

Am Freitag, am 10. November, hatten die Menschen aus den Bezirken Magdeburg und Halle nur ein Ziel: Helmstedt. Von Magdeburg bis zur Grenze rollten die Trabbis vierspurig nebeneinander. Rund sieben Stunden dauerte eine solche Fahrt. Schneller ging es dagegen mit den normalen Reisezügen. Aber der Ansturm nahm am arbeitsfreien Wochenende, am 11. und 12. November noch weiter zu und erreichte ungeahnte Ausmaße. Helmstedt war rund um die Uhr offen für die Besucher aus dem Osten. Auch an jenem Sonntag, 12. November, hatten die Geschäfte geöffnet. Auf dem Holzberg gab es einen Wochenmarkt. Und die Stadtverwaltung hatte mit der Auszahlung des Begrüßungsgeldes in Höhe von je 100 Mark eine große Aufgabe zu lösen. Nicht weniger als 50 Zahlstellen wurden im Rathaus eingerichtet. Auch die Post in Helmstedt zahlte dieses Geld aus. An jenem Wochenende gab das Rathaus nicht weniger als 5,2 Millionen Mark aus, die Post rund 900.000 Mark. So viel Geld war natürlich nicht in den Kassen, so daß mit einem Hubschrauber aus Hannover zusätzliches Geld zur Helmstedter NORD/LB-Niederlassung gebracht werden mußte. Am Sonntag öffnete in Helmstedt auch die Volksbank für Auszahlungen. Während in Helmstedt bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 60.000 Bürger der DDR mit Geld begrüßt wurden, waren es in Schöningen 3.500, in Königslutter 1.900, in Büddenstedt und in Jerxheim je 250 und in Velpke 200. In Helmstedt standen die Besucher in der Nacht zum Sonntag schon gegen 1 Uhr nach Geld an. Die Kassen wurden um 7.30 Uhr geöffnet.

Da an dem Sonntag schätzungsweise 120.000 Einwohner aus der DDR über Helmstedt wieder in ihre Heimatorte fahren wollten, mußten Notquartiere geschaffen werden. Aus einem großen Umkreis wurden Hilfskräfte nach Helmstedt gerufen. Eine Suppe und warme Getränke gab hauptsächlich das Rote Kreuz aus. Die Feuerwehr war mit 80 Einsatzkräften beteiligt, das Technische Hilfswerk kam hinzu. Immerhin wurden spontan in Helmstedt 500 Übernachtungsmöglichkeiten angeboten.

Gleich am 10. November war der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht nach Helmstedt gekommen, um am Kontrollpunkt den Besucherstrom zu erleben.

Unbeschreiblicher Jubel herrschte dabei. Albrecht war bereits am 1. Oktober zusammen mit der Bundestagspräsidenten Rita Süßmuth nach Helmstedt gekommen, um 849 DDR-Flüchtlinge auf dem Bahnhof willkommen zu heißen. Sie waren nach wochenlangem Ausharren in der bundesdeutschen Botschaft in Warschau mit einem Sonderzug der DDR-Reichsbahn in Begleitung von Staatssekretär Jürgen Sudhoff vom Auswärtigen Am angekommen. Dieser Sonderzug trag 17.10 Uhr in Helmstedt ein. Mit zwölf Bussen des Bundesgrenzschutzes wurden die Flüchtlinge zum Gymnasium gebracht und verpflegt, ehe sie noch am gleichen Abend die Weiterreise nach Hannover antraten. Das war der eigentliche Beginn des Wahnsinns.

Aber weder Politiker noch Bürger hatten im Oktober 1989 zu ahnen gewagt, daß die Grenze fällt, wenn auch am 6. Oktober ein weiterer Zug mit Flüchtlingen in Helmstedt erwartet wurde. Das Rote Kreuz hatte bereits 24 Helfer zum Teekochen und Verteilen gerufen, als sich herausstellte, daß dieser Zug über Oebisfelde geleitet wird. Das Helmstedter Rote Kreuz fuhr schnell nach Wolfsburg, um dort den Tee auszugeben. Die Helfer jedoch mußten zusehen, wie der Zug mit Flüchtlingen ohne Halt durch den Wolfsburger Bahnhof rollte. Am 3. Oktober nahmen Vertreter der Preußenelektra Hannover und der DDR-Außenhandelsgesellschaft INTRAC feierlich die neue Stromverbindung vom Kraftwerk Offleben zum Umspannwerk Wolmirstedt als Teil der neuen Fernstrecke nach Berlin in Betrieb. Die Dresdener Energiebau hatte von März bis September die 50 Kilometer lange strecke hergestellt, was den Chef des VEBA-Konzerns, Rudolf von Bennigsen-Foerder, zu dem Ausspruch veranlaßte: Eine Meisterleistung. Der Bau der Stromleitung beruhte auf einem Vertrag vom 7. März 1988, der anläßlich eines Honecker-Besuches in Bonn geschlossen worden war.

Sehr geehrte Damen und Herren, lassen Sie mich einen besonderen Blick auf die Gemeinde Grasleben werfen. Dort wurde im Kreis Helmstedt der erste neue Grenzübergang nach Weferlingen im Nachbarkreis Haldensleben geschaffen. Gleich am 10. November war der Grasleber Bürgermeister Johannes Nitschke über den Helmstedter Autobahnkontrollpunkt nach Weferlingen gefahren, um die ersten Schritte für eine Grenzöffnung einzuleiten. Nitschke war dem Weferlinger Bürgermeister Michael Rigo kein Unbekannter, denn schon seit einer längeren Zeit hatte es auf Grasleber Initiative Kontakte zu der Gemeinde hinter dem Eisernen Vorhang gegeben. Die beiden Bürgermeister trafen sich im „Hinterland" der DDR, also außerhalb des Sperrgebietes, der im Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR - in Kraft getreten am 21. Juni 1973 - vereinbart wurde, waren diese Gespräche möglich geworden. Ganz beachtliches Aufsehen hatte im Frühjahr 1989 erzeugt, daß bei einem Fest des Gesangvereines Hödingen im Kreis Haldensleben der Grasleber Bürgermeister Nitschke begrüßt wurde.

Am 13. November 1989 hatten sich sowohl der Schöninger Stadtdirektor Jürgen Lübbe als auch der Grasleber Samtgemeindedirektor Stötzel in Briefen an Bundeskanzler Kohl und an den DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz gewandt und um Öffnung neuer Grenzübergänge gebeten, zwischen Schöningen und Hötensleben sowie zwischen Grasleben und Weferlingen. Bereits zwei Tage später begannen Grenztruppen der DDR damit, ein Loch in den Metallgitterzaun zu schneiden und die alte Straße von Weferlingen nach Grasleben einzuebnen. Der Kommandeur der Braunschweiger Grenzschutzabteilung, Bernd Kahnert, reichte zum ersten Mal dem in Weferlingen ansässigen Major Braun der DDR-Grenztruppen über die Demarkationslinie hinweg die Hand. Beide sprachen kurz Einzelheiten der Grenzöffnung ab. Die Ungeduld auf beiden Seiten der Grenze wuchs, nun tatsächlich auch durch das Tor gehen zu können. Am 17. November kam der Weferlinger Bürgermeister Rigo nach Grasleben und pflanzte ein kleines Eichenbäumchen. Schließlich war es am Sonnabend, 18. November, so weit, daß die Menschen zueinander kommen konnten.

Seitens der DDR war die Freigabe des Weges auf die Morgenstunde um 6 Uhr angesetzt worden, in der Hoffnung, daß nur wenige Menschen so früh auf den Beinen sind. Doch die Verantwortlichen der Grenztruppen und der SED hatten sich getäuscht. Langsamen Schrittes näherte sich von Weferlingen her ein langer Zug in der tiefen Dunkelheit. Nur einige Fackeln erleuchteten den Weg zur Grenze, an der sich auch sehr viele Grasleber und Einwohner aus den Nachbarorten versammelt hatten. Ohne große Worte wurde der Weg über die Grenze freigemacht. Und den Menschen war anzusehen, daß sie es noch gar nicht in vollem Umfang fassen konnte, daß der alte Weg zwischen den beiden Orten, der 1952 im Mai endgültig geschlossen worden war, wieder begangen werden konnte. Innerhalb der ersten 36 Stunden wurden in Grasleben rund 10.400 Besucher aus dem Osten gezählt, nach Weferlingen gingen rund 8.000.

Weferlinger hatten gleich nach Räumung der letzten Hindernisse die Grasleber eingeladen, ihren Ort kennenzulernen. Offizielle Vertreter trafen sich im Rathaus, während andere durch den Ort streiften und in der evangelischen Kirche von Pastor Ingelmann begrüßt wurden. Dort waren auch Hinweise auf das Neue Forum zu finden, auf jene Bürgerrechtsbewegung in der DDR, die maßgeblich an der friedlichen Revolution beteiligt war, eine Gemeinschaft, von der heute kaum noch gesprochen wird, die viel zu schnell Historie wurde.

Im Vergleich zu der ergreifenden Szene zwischen Grasleben und Weferlingen folgte zwei Stunden später am 18. November geradezu in nüchternem Rahmen die Freigabe der Bundesstraße 1 im Lappwald, die Helmstedt mit Morsleben verbindet. Tage zuvor hatten Helmstedter Straßenbaufirmen den Graben zwischen Ost und West wieder mit Asphalt zugedeckt. Auch in den folgenden Wochen waren die Tiefbauer aus dem Kreisgebiet entscheidend an der Wiederherstellung alter Verbindungen beteiligt. Die geöffnete Bundesstraße 1 trug übrigens wesentlich zur Entlastung der täglich hoffnungslos überfüllten Autobahn bei.

Ein bißchen offiziellen Charakter hatte am Sonntag, 19. November, die Öffnung der Grenze zwischen Schöningen und Hötensleben. Der Schöninger Bürgermeister Siegfried Pause durchschnitt an der Auebrücke ein Band. Drei Tage vorher trennten DDR-Pioniere die Mauer um Hötensleben auf, die in den 70er Jahren entstand, um den Ort hermetisch gen Westen abzuriegeln. Am 17. November trafen sich dann Vertreter der Stadt Schöningen und der Gemeinde Hötensleben mit dem Vorsitzenden des Rates des Kreises Oschersleben, Michael Kohlhase, auf der alten Auebrücke, um Einzelheiten der Grenzöffnung zu besprechen. Wie bei Grasleben liefen an jenem Sonntag, 19. November, die Menschen bei Hötensleben jubelnd aufeinander zu. Von Hötensleben hatte sich eine kilometerlange Menschenschlange gebildet, als die Straße gegen 7.30 Uhr freigegeben wurde. Schöningen hatte einen Buspendelverkehr zum Fährturm eingerichtet.

Noch einige Schlaglichter aus diesen ersten Tagen nach dem berühmten 9. November. Am 13. November wird vereinbart, täglich zwischen Magdeburg und Helmstedt zwei Zugpaare zusätzlich einzusetzen. Am nächsten Tag treffen mit dem Frühzug aus Magdeburg gegen 7 Uhr 1.150 Fahrgäste in Helmstedt ein, die in neun Wagen zusammengepfercht waren. Am 16. November kommen allein mit Zügen rund 8.000 Besucher aus der DDR in Helmstedt an. Die Helmstedter Post öffnet ihren Altbau, um mehr Zahlstellen für das Begrüßungsgeld zu schaffen. Und einen Tag später vereinbaren die Landkreise Helmstedt und Haldensleben eine Zusammenarbeit beim Krankentransport. Die Helmstedter Geschäfte nehmen auch Ostmark zur Bezahlung an, allerdings zu einem Kurs von 1 zu 10. Am 21. November stellt die Deutsche Verkehrskreditbank am Helmstedter Bahnhof einen Container als Wechselstube auf und will nur sechs Westmark für 100 Ostmark geben. Wegen dieses unfairen Angebotes wird der Container drei Tage später wieder abgeholt.

Der Buß- und Bettag 1989, am 22. November, war überall im Kreisgebiet ein Tag der Begegnung von Ost und West. In allen Orten hielten die Geschäfte von 11 bis 16 Uhr ihre Pforten offen. Die Stadt Helmstedt zahlte auch Begrüßungsgeld aus. In der Helmstedter Stephanikirche predigte der Bischof der braunschweigischen Landeskirche, Professor Gerhard Müller. „Die Menschen in der Bundesrepublik und in der DDR müssen jetzt voneinander lernen", sagte er wörtlich. Und der in Uhrsleben ansässige Pfarrer Haller meinte: „Viele Menschen in der DDR sind hungrig auf die andere Welt und sehen die Erfüllung des Lebens im Westen. Sie irren, denn die Sinnerfüllung liegt nicht immer im materiellen Wert".

Zu diesem Zeitpunkt treffen die DDR-Grenztruppen gegenüber dem Nordkreis umfangreiche Vorbereitungen, um die Brücke über die Aller wiederherzustellen und um die Straße nach Oebisfelde zu ebnen, denn dieser Grenzübergang soll am 26. November befahrbar sein. Am Bußtag beobachten etwa 6.000 Menschen aus dem Nordkreis und aus Wolfsburg die Arbeiten auf der DDR-Seite bei Büstedt. Wiederum wird der Übergang sehr früh um 6 Uhr des 26. November aufgemacht bei eisiger Kälte, Schneefall und Glatteis. An diesem Tag brach in Velpke und Wahrstedt auf der Westseite und in Oebisfelde der Verkehr vollständig zusammen. Nicht weniger als 28.000 Fußgänger waren an diesem Tag von Oebisfelde nach Velpke unterwegs. In die umgekehrte Richtung waren es etwa 21.000. Geradezu liebevoll empfingen die Oebisfelder ihre Nachbarn aus dem Westen mit Musik, kleinen Geschenken und mit warmen Getränken und Broten, die auch in der Katharinenkirche verteilt wurden. Reden hielten im Oebisfelder Rathaus unter anderen die Velpker Bürgermeisterin Edith Schünemann, der Oebisfelder Bürgermeister Steffen Wetterling und der Wolfsburger Oberbürgermeister Werner Schlimme.

Die Forderung nach weiteren Grenzöffnungen wurden beiderseits der Befestigungsanlagen immer lauter. Delegationen aus Beendorf und Harbke suchten Kontakt zu Helmstedt. In Jerxheim wurden Fackeln und Holzstöße angezündet, um den Wunsch nach einem Grenzübergang zu unterstreichen. An der Grenze bei Breitenrode und Grafhorst lodern ebenfalls Fackeln in den Nachthimmel. In Jerxheim findet ein Bürgermeistertreffen mit den Vertretern aus den Bereichen des Großen Bruches und des Huy statt. Vergeblich wollen Bürger aus dem Heesebergbereich die Grenzöffnung über den Kiebitzdamm erzwingen.

Helmstedt sucht Gespräche mit den Nachbarkreisen über eine künftige Zusammenarbeit. Gleichzeitig lädt die Kreisvolkshochschule die Nachbarn aus dem Osten zum Besuch der Kurse ein. In einer Versammlung in Helmstedt spricht der spätere Magdeburger Oberbürgermeister Dr. Wilhelm Polte über die Montagsdemonstrationen in seiner Stadt, an denen auch zahlreiche Beendorfer teilnahmen, und erläutert die wirtschaftliche Situation der DDR. Polte sagte: „Unser Haus ist abgebrannt. Die Frage ist, sollen wir es neu bauen oder ziehen wir in das schöne Haus des Bruders". Der Rat in Schöningen beschließt am 24. November in einer Sondersitzung eine Partnerschaft mit Oschersleben. Von dort wird der Beschluß am 11. Dezember erwidert. An der Barbarafeier der Helmstedter Bergleute nahmen im Dezember erstmals Chefs des Kraftwerkes Harbke und des Tagebaues Wulfersdorf teil.

Trotz aller Begeisterung über die neue Freiheit verzichtete die DDR nicht auf Kontrollen an den neuen Grenzübergängen. Überall wurden Häuschen aufgestellt, um die Reisepässe stempeln zu können. Bis Weihnachten waren auch noch Zählkarten auszufüllen, abgesehen von den eigentlichen Öffnungstagen. Auch auf bundesdeutscher Seite entstanden Kontrollstationen.

Während der letzten Wochen des Jahres 1989 - und auf diesen Zeitraum habe ich mich beschränkt - wurden neue Verbindungen noch zwischen Jerxheim und Dedeleben, zwischen Grafhorst und Breitenrode, zwischen Helmstedt und Beendorf unmittelbar vor Weihnachten und zwischen Helmstedt und Harbke geschaffen. Teilweise waren die Übergänge anfangs nur für Fußgänger und Radfahrer geeignet, weil der Unterbau der Straßen eine Belastung durch Kraftfahrzeuge nicht zuließ, weil aber auch Kraftverkehr unerwünscht war, wie im Lappwald bei Beendorf. Verbunden waren diese Grenzöffnungen jeweils mit Volksfesten, im wahrsten Sinne des Wortes, denn immer wieder waren Tausende Zeugen dieser einmaligen Vorgänge.

Am 22. Dezember war auch der niedersächsische Minister für Bundesangelegenheiten, Heinrich Jürgens, nach Helmstedt gekommen, um die Öffnung des alten Harbker Weges mitzuerleben. Etwa 2.000 Helmstedter wanderten von der Grenze bis ins Harbker Kulturhaus, um dort das Fest zu feiern. Lassen Sie mich mit dem Wunsch von Minister Jürgens schließen. Er forderte angesichts des wunderbaren Ereignisses die Helmstedter und Harbker auf, sich künftig an jedem 22. Dezember zu beschenken. War das nun Wahnsinn?

zurück