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Vortrag von Herrn Rolf Reinemann
im Rahmen des FORUM GRENZENLOS am 29.09.1999 in Helmstedt
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
was in Reden seit mehr als vierzig Jahren von allen Politikern immer wieder gefordert wurde, war im November 1989 nun über Nacht eingetreten.
Deutschlands innere Grenze war offen und die Wiedervereinigung stand vor der Tür. Schnell entstanden Kontakte zu den damaligen Räten der Kreise Haldensleben, Wolmirstedt , Wanzleben und Oschersleben. Allen dort Tätigenden war schnell klar, dass das bisherige System der kommunalen Verwaltungen beendet war und der Umbau vom Rat des Kreises zur Kreisverwaltung nicht nur ein kosmetischer Eingriff sein konnte.
Durch den damaligen Oberkreisdirektor des Landkreises Helmstedt, Herrn Wolfgang Kleine und dem damaligen nieders. Landtagsabgeordneten, Herrn Rolf Reinemann, wurde den Ratsvorsitzenden jegliche Unterstützung beim Auf- und Umbau der Verwaltungen zugesagt.
Was daraus entstand, war kaum vorauszusehen. Täglich erschienen Bedienstete der Räte und machten sich kundig über die Arbeit , die sie nun erwarten würde. Kommunale Selbstverwaltung, was ist das und wie geht das? In dem zu jener Zeit herrschenden Chaos versuchte jeder soviel Informationen wie nur denkbar zu sammeln. Das führte auch dazu, dass heute dieser und morgen jener aus dem gleichen Amt in der Helmstedter Kreisverwaltung vorstellig wurde. Den Verantwortlichen war sehr schnell bewußt, dass die Hilfe zum Aufbau kommunaler Selbstverwaltungen organisiert werden mußte. Im Juli 1990 wurde daher die Entscheidung getroffen, die notwendige Aufbauarbeit zu organisieren. Diese Entscheidung mündete in der Gründung der Arbeitsgemeinschaft DEUREGIO 2000 Helmstedt. Der Name Deuregio deutet auf Parallelen zu grenzübergreifenden von Nachbarn auf europäischer Ebene hin, die als Vorbild dienten. Erwähnen möchte ich die Euregio Maas Rhein im Deutsch Belgischen Grenzbereich, von der wir heute Nachmittag noch hören werden.
Bereits im Oktober des gleichen Jahres wurde aber den Beteiligten klar, dass weit mehr Aufgaben auf eine Lösung warteten als nur der Aufbau von Kreisverwaltungen nach westlichem Vorbild. Ferner war es gemeinsamer Wille aller beteiligten Kreise, die begonnene Arbeit dauerhaft fortzusetzen und eine gemeinsame Identität zu entwickeln. Diese Überlegungen führte zu der Erkenntnis, dass der bisher verwandte Name DEUREGIO 2000 Helmstedt die gewonnenen Erkenntnisse nicht nach aussen dokumentieren konnte. Auf der Suche nach einem allen gerecht werdenden Namen stieß man auf die alte Landschaftsbezeichnung Ostfalen. Dieser Name war bei Historikern und Germanisten durchaus geläufig, im allgemeinem Bewußtsein aber verdrängt. Er kennzeichnet den Raum zwischen Elbe und Weser. Die Arbeitsgemeinschaft der fünf Landkreise trug von diesem Zeitpunkt an den Namen Deuregio 2000 Ostfalen. Damit einher ging die Festlegung der Aufgaben, die gemeinsam gelöst werden mussten. Neben dem bereits genannten Aufbau der Kreisverwaltungen stand die Schaffung der ganzflächigen Versorgung der Kreise mit Erdgas vor dem nahenden Winter im Vordergrund. Ein gemeinsamer ÖPNV sollte ebenso aufgebaut werden, wie eine gemeinsame Abfallbeseitigung. Sehr schnell entstand auch Handlungsbedarf zur einheitlichen Regelung von Asylangelegenheiten und im Bereich der Sozialhilfe. Hier sei beispielhaft genannt, dass die Auszahlung von Sozialhilfe an Asylbewerber in allen fünf Kreisen am gleichen Tag, möglichst auch zur gleichen Zeit erfolgen musste, damit Asylbewerber nicht in mehreren Kreisen die Hilfe in Anspruch nehmen konnten. Im Bereich der Landwirtschaft war Hilfestellung und Abstimmung ebenfalls erforderlich.
Im Oktober 1992 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift Wir Ostfalen". Seit diesem Zeitpunkt erscheint die Zeitschrift einmal jährlich und befaßt sich mit aktuellen Themen aus den Bereichen Kultur, Freizeit und Wirtschaft.
Aus vielen Gespräche erwuchs auch die Erkenntnis, dass die auf freiwilliger Basis zusammengeschlossenen Landkreise im Städtedreieck Magdeburg, Braunschweig, Wolfsburg nur dann eine bedeutende Rolle spielen können, wenn sie sich fester zusammenschliessen als dies bisher erfolgte. Fest stand aber auch, daß die Kreise keine, wie immer geartete zusätzlich Verwaltung aufbauen wollten und konnten. Die Funktion der Deuregio Ostfalen lässt sich daher am treffendsten mit dem Begriff eines Moderators beschreiben.
Nach Beschluß in allen fünf Kreistagen und damit vom politischen Willen der Kreistage getragen wurde die Arbeitsgemeinschaft Deuregio 2000 Ostfalen zur Erreichung einer besseren Rechtsstellung in den eingetragenen Verein Deuregio Ostfalen umgewandelt. Die Jahreszahl 2000 wurde nun aus dem Namen entfernt, um damit zu dokumentieren, daß dieser Verein und seine Aufgaben nicht für einen bestimmten Zeitraum begrenzt sind.
In der Satzung des Vereins Deuregio Ostfalen e.V. ist die zukünftige Aufgabe wie folgt definiert:
Der Verein verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke mit dem Ziel, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder und Ihrer Einwohner durch geeignete Massnahmen zu stärken und die kommunalen Lebensbedingungen zu verbessern".
Die Organe des Vereins sind der Vorstand, in dem jeder der drei Landkreise durch drei Vertreter vertreten ist, und die Mitgliederversammlung. In diese entsendet jeder Landkreis je 10.000 Einwohner einen Vertreter.
Von der Mitgliederversammlung ist seit der Gründung des Vereins der Oberkreisdirektor des Landkreises Helmstedt zum Geschäftsführer gewählt. Bei Ihm befindet sich auch die Geschäftsstelle der Deuregio Ostfalen e.V.
Die Finanzierung der Deuregio Ostfalen erfolgt durch Mitgliedsbeiträge der drei Landkreise in Höhe von DM 0,20 je Einwohner.
Am 22. März 1993 fand im Beisein des damaligen Sachsen-Anhalter Innenministers Helmut Perschau die Gründungsversammlung in Haldensleben statt. Der Festvortrag mit dem Thema Kreis- und Grenzüberschreitende Zusammenarbeit" wurde von Herrn Prof. Dr. D. Fürst vom Institut für Landesplanung und Raumforschung der Universität Hannover gehalten. In seinen Ausführung sah auch er die Notwendigkeit einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, um damit der Gefahr zu begegnen, zwischen den Blöcken Magdeburg und Braunschweig zu einer Durchgangsregion zu verkümmern.
In den Jahren seit Gründung wurde die Arbeit des Vereins dadurch geprägt, dass versucht wurde ehemalige Gemeinsamkeiten, die durch die Grenzziehung unterbrochen waren, wieder herzustellen und ein gemeinsames Image aufzubauen.
Sicherlich gehörte die Wiederherstellung der zwischen den Orten Grasleben und Weferlingen getrennten Bahnverbindung zu den schwierigeren Aufgaben, da die Wiederherstellung dieser Verbindung nicht im Einigungsvertrag vorgesehen war. Dennoch konnte bereits im Dezember des Jahres 1993 die Planung zur Herstellung vergeben werden. Unter finanzieller Beteiligung der Länder Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, der Orte Grasleben und Weferlingen sowie des Unternehmens Sand- und Tonwerke Walbeck wurde die Strecke nach einer Bauzeit von nur 15 Monaten wieder für den Güterverkehr in Betrieb genommen. Damit ergab sich auch die zusätzliche Möglichkeit einen Musumseisenbahnbetrieb zum Ausbau des Tourismus aufzunehmen.
Im Rahmen der im Juni 1994 im Land Sachsen-Anhalt durchgeführten Gebietsreform wurden aus den Landkreisen Wolmirstedt und Haldensleben der Landkreis Ohrekreis und aus den Landkreisen Wanzleben und Oschersleben der Landkreis Bördekreis gebildet. Seit diesem Zeitpunkt besteht die Deuregio Ostfalen aus den drei Landkreisen Bördekreis, Landkreis Helmstedt und dem Landkreis Ohrekreis.
Die Erkenntnis, daß im Bereich der Deuregio Ostfalen ein relativ großer Anteil von älteren Menschen ostfälisches Platt spricht, führte am 1. Oktober 1994 zur Gründung des Ostfälischen Instituts mit Sitz in Ummendorf. Nach einigen Gesprächen konnte Herr Prof. Dr. Dieter Stellmacher vom Institut für Niederdeutsche Sprache an der Universität Göttingen als Leiter des Institutes gewonnen werden. Seine Stellvertreterin wurde Frau Dr. Ursula Föllner von der Universität Magdeburg. Beide verrichten Ihre Arbeit ehrenamtlich, was nicht hoch genug bewertet werden kann. Um die vorhandene Sprachkompetenz der Region auszubauen und zu stärken wurde noch im gleichen Jahr der erste Literaturwettbewerb für Ostfälische Geschichten ausgeschrieben. Vor wenigen Tagen wurden die Preisträger des 6. Literaturwettbewerbes ermittelt. Die Zahl der Teilnehmer stieg bisher jährlich an und längst gehört dieser Wettbewerb, neben den jährlich stattfindenden Jahrestagungen des Instituts zum festen Bestandteil der Deuregio Ostfalen.
Im Januar des Jahres 1995 wurde in einem Gespräch zwischen dem Innenminister des Landes Sachsen-Anhalt und dem Vorstand der Deuregio Ostfalen die gemeinsame Darstellung des Zonengrenz Museums, des Grenzdenkmals Hötensleben und der Grenzübergangsstelle Marienborn angeregt sowie auf die notwendige Anbindung des Gewerbeparks Harbke an die Bundesstrasse 1 aufmerksam gemacht. Die Anregung der gemeinsamen Darstellung wurde später durch die Stadt Helmstedt als Expoprojekt grenzenlos Wege zum Nachbarn" aufgenommen und realisiert. Die Anbindung des Gewerbeparks Harbke an die B1 befindet sich derzeit als östliche Umgehungsstraße der Stadt Helmstedt in der Planung.
Des weiteren fand im Rahmen einer Mitgliederversammlung ein Gespräch mit Vertretern der Gemeinden beiderseits der Landesgrenze sowie Vertretern der Bezirksregierung Braunschweig, des Regierungspräsidiums Magdeburg und den zuständigen Strassenbauämtern statt. Hierbei wurden die noch nicht wiederhergestellten Strassenverbindungen über die Landesgrenze hinweg angemahnt.
Um Kindern und Jugendlichen aus dem Bereich der Deuregio Ostfalen das Miteinander zu erleichtern, ihnen eine Brücke zu bauen, wurde auf Anregung der damaligen Sozialministerin des Landes Sachsen-Anhalt, Frau Dr. Gerlinde Kuppe, im Jahre 1995 eine gemeinsame Veranstaltung aller drei Landkreise zum Weltkindertag angeregt. Im September des gleichen Jahres fand die erste gemeinsame Veranstaltung unter dem Motto Auf die Kinder kommt es an in Wolmirstedt statt. Seither findet in jedem Jahr eine Veranstaltung statt, die in fester Reihenfolge, unter finanzieller Beteiligung der Deuregio Ostfalen, jährlich von einem anderen der drei Landkreis ausgerichtet wird.
Auf der Suche nach weiteren gemeinsamen Berührungspunkten der Menschen in der Deuregio Ostfalen stieß man auf den Sportbereich. Um das sportliche Miteinander zu fördern wurde unter Leitung des Kreissportbundvorsitzenden des Ohrekeises, Herrn Dr. Lutz Boegelsack, im Jahr 1996 ein Sportausschuß ins Leben gerufen. Darüber hinaus wird seit dem Jahr 1993 jährlich ein Leichtatletikvergleichskampf von Jugendlichen aus der Region ausgetragen.
Auf Vermittlung des German Fund of the Unites States traffen Wirtschaftsexperten der Vereinigten Staaten von Amerika mit den Vorstandsmitgliedern der Deuregio Ostfalen im März 1996 zusammen. Bisher wurden durch diese Experten Regionen aus den neuen Bundesländern mit Regionen in den USA zum Erfahrungsaustausch in wirtschaftlichen Fragen zusammen geführt. Nunmehr sollte untersucht werden in wieweit für die Deuregio Ostfalen eine Region in den USA gefunden werden konnte. Leider ist dieses Vorhaben aber nicht zur Ausführung gekommen, da man in den USA keine vergleichbare Region finden konnte.
Um die mir zur Verfügung stehende Redezeit nicht über Gebühr zu verlängern, lassen Sie mich nun nur noch in kurzen Stichworten weitere Aktivitäten der Deuregio Ostfalen aufzählen.
Im Jahr 1997 Herausgabe eine Kunstführers, der die inhaltlich identischen kulturtouristischen Modelle Wege in die Romanik" in Niedersachsen und Strasse der Romanik" in Sachsen-Anhalt für den Bereich der Deuregio Ostfalen zusammenführte.
Ferner gelang es der Deuregio Ostfalen sich gemeinsam in das Modellprojekt für Jugendliche im ländlichen Raum einzubringen. Das Projekt mit dem Namen 2T1 (=2001) wird vom Bund und vom Land Sachsen-Anhalt finanziell gefördert.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Sie werden es bemerkt haben, dass die bisher aufgezählten Tätigkeitsfelder überwiegend im kulturellen Bereich angesiedelt sind. Dieses hat mehrere Gründe: Bei den angesprochenen Aktivitäten waren bereits Gemeinsamkeiten gegeben, z.B. das Platt sprechen. Menschliches Miteinander ist im sportlichen Bereich relativ einfach herzustellen. Da gerade bei Kindern und Jugendlichen die unterschiedlichen Gesellschaftseinflüsse und Erziehungssysteme sehr nachhaltig verwurzelt waren, war hier das Miteinander besonders zu fördern.
Natürlich gibt es auch Bereiche, in denen aus vielschichtigen Gründen ein gemeinsames Vorgehen zwar wünschenswert war, aber bisher nicht erreicht werden konnte. Als Beispiel nehmen Sie hier das gemeinsame Werben als eine Wirtschaftsregion. Solange von der Politik unterschiedliche Förderkriterien in einer Region ausgegeben werden, kann die Gemeinsamkeit nicht realisiert werden. Verstehen Sie dies bitte nicht als Kritik sonder als Fakt, der durchaus seine Berechtigung hat.
An einem weiteren Beispiel läßt sich ebenfalls aufzeigen, daß die die Deuregio Ostfalen durchtrennende Landesgrenze nicht leicht zu überwinden ist. Der im Landkreis Helmstedt liegende Naturpark Elm Lappwald ist an seiner östlichen Seite durch die ehemalige innerdeutsche Grenze begrenzt worden. Natürlicherweise müsste aber der östlichen Teil des Lappwaldes mit einbezogen werden. Bisher konnte die Ausweitung deshalb nicht erfolgen, weil unterschiedliche landesrechtliche Vorgaben des Begriffes Naturpark" eine einheitliche Planung behindern.
Zum Schluß meiner Ausführungen will ich zwei Feststellungen treffen:
In einer relativ kurzen Zeit ist es der Deuregio Ostfalen gelungen zu einem Begriff für eine Region zu werden. Es sind noch genügend Aufgaben vorhanden, die gemeinsam angefasst und gelöst werden müssen, um das in der Satzung festgeschriebene Ziel zu erreichen.
Als Resümee ist aber auch festzustellen, dass die Beteiligten gut beraten waren, ihre Zusammenarbeit als Verein zu leisten, denn dieser kann verhältnismäßig unabhängig von staatlichen oder administrativen Vorgaben und Zwängen handeln.
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