Sehr
geehrter Herr Landrat Backhaus,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
das
mir vorgegebene Thema lautet
"Gesellschaftliche und
wirtschaftliche Wirkungen nach Fortfall
der Grenze / Grenzen". Ich gehe von
Ihrem Einverständnis aus, wenn ich mich
im Folgenden auf wirtschaftliche
Wirkungen des Wegfalls der
innerdeutschen Grenze beschränke. Wir
stimmen wohl darin überein, dass
wirtschaftliche und gesellschaftliche
Auswirkungen Hand in Hand gehen. Der
eindrucksvolle und mich auch persönlich
berührende, weil das Jahr 1989 noch mal
in Erinnerung rufende, eindrucksvolle
Vortrag von Herrn Bjarsch und auch die
Ausführungen von Herrn Reinemann haben
die gesellschaftlichen Verflechtungen ja
bereits sehr deutlich hervortreten
lassen.
Meine
Damen und Herren, ich möchte zunächst
auf die Organisation der
partnerschaftlichen Zusammenarbeit
zwischen Betrieben unseres
Wirtschaftsraumes mit Unternehmen in
Sachsen-Anhalt eingehen.
Unmittelbar
nach der Öffnung der innerdeutschen
Grenze hat sich die Industrie- und
Handelskammer Braunschweig der
Herausforderung gestellt, möglichst
schnell zu einer intensiven
Zusammenarbeit der Wirtschaft des
Kammerbezirks mit Unter-nehmen der
östlichen Nachbarregionen beizutragen.
Bereits im Januar 1990 waren mehr als 60
Manager aus dem Bezirk Magdeburg Gäste
der IHK. Neben der Vorstellung der
Wirtschaftsstruktur und der
Angebotspalette des Magdeburger Raumes
bot sich die Möglichkeit individueller
Kontakte zu Industrie-, Handels- und
sonstigen Dienstleistungsunternehmen der
Region. Wie nicht anders zu erwarten,
blieb es nicht ohne Kritik, in dieser
frühen Phase mit den damaligen
Entscheidungsträgern der ostdeutschen
Wirtschaft in engen Kontakt zu treten.
Wir haben seinerzeit aber ganz bewusst
alle politischen Vorbehalte hinten
angestellt. Es ging uns vorrangig um die
Sache, das heißt um möglichst schnelle
Kooperations-beziehungen, um den
ostdeutschen Betrieben und den dort
arbeitenden Menschen zu helfen. Die
spätere Entwicklung gab uns recht:
Unabhängig von den ostdeutschen
Führungskräften entwickelten sich
viele Verbindungen aus den ersten
gemeinsamen Veranstaltungen zu
leistungsfähigen Partnerschaften.
Als
geographisch nächst gelegene IHK an der
Bundesautobahn A 2 war die Industrie-
und Handelskammer Braunschweig
Anlaufstelle vieler Rat- und
Wirtschaftskontaktsuchender aus
Sachsen-Anhalt und darüber hinaus.
Neben weit mehr als 1.000
Einzelberatungen wurde dem aktuellen
Informationsbedürfnis durch eine
Vielzahl von umfassenden
Vortragsveranstaltungen und speziellen
Seminaren Rechnung getragen. Häufig
gelang eine direkte Kontaktvermittlung
zu Unternehmen der Region. Unter Nutzung
der IHK-Zeitschrift sowie mit einer
monatlichen Sonderveröffentlichung
unter dem Titel
"Ost-West-Kooperationsbörse"
gelang auch eine organisierte
Vermittlung von Kontakten von
Interessenten aus Sachsen-Anhalt und
unserem Wirtschaftsraum. Eine hohe Zahl
von Zuschriften auf diese
Kooperationsbörse ermöglichte das
Anknüpfen partnerschaftlicher
Beziehungen in mehreren hundert Fällen.
Meine
Übersicht Nummer 1 zeigt die regionale
Verteilung der Kooperationsaktivitäten.
Es wird sehr deutlich, dass weit mehr
als 70 % dieser Aktivitäten zwischen
unserem Wirtschaftsraum und dem
Bundesland Sachsen-Anhalt stattfanden.
Die Begründung liegt hier
selbstverständlich in der räumlichen
Nähe. Wenn Sachsen auf Platz 2 liegt,
trotz der relativ großen Entfernung, so
liegt dies in der dortigen damaligen
Wirtschaftsstruktur begründet. Wenn man
die heutige doch recht prosperierende
Entwicklung in Sachsen betrachtet, hat
es sich für hiesige Unternehmen
ausgezahlt, frühzeitig Aktivitäten
auch in Sachsen aufzunehmen.
Es lag
auf der Hand, dass westdeutsche
Industrie- und Handelskammern
Hilfestellung leisteten bei dem Aufbau
der entsprechenden
Selbstverwaltungsorganisation der
Wirtschaft in den neuen Bundesländern.
Die Aufgaben in der Beratung und
Förderung der Wirtschaft erfolgte so
beispielsweise auch in Magdeburg
während der ersten Monate in hohem
Umfang durch Mitarbeiter westdeutscher
Industrie- und Handelskammern. Dabei
wurden die Kollegen aus Magdeburg in der
praktischen Arbeit geschult. Dank dieser
intensiven Einarbeitung konnte bereits
ab Ende des Jahres 1990 auf die Präsenz
westdeutscher Kammermitarbeiter in
Magdeburg verzichtet werden.
Als
besondere Aufgabe schälte sich schnell
die Problematik der Berufsausbildung
heraus. Auch hier wurde intensive
Unterstützungsarbeit geleistet, die
weit über das Engagement hauptamtlicher
Mitarbeiter der IHK Braunschweig
hinausging. Mitglieder der
Berufsbildungsausschüsse und
Prüfungsausschussmitglieder, also eine
große Zahl ehrenamtlich Tätiger aus
unserem Wirtschaftsraum, widmete sich
der Beratung von Mitarbeitern der IHK
Magdeburg, von Ausbildungswilligen und
von Unternehmen im östlichen
Nachbarbezirk. Die Wirtschaftsjunioren
im Bezirk der IHK Braunschweig weiteten
ihre Aktivitäten im Rahmen eines
Ausbildungsverbundes auf Magdeburg aus.
Es wurden Prüfer geschult,
Prüfungsausschüsse aus dem
Braunschweiger Wirtschaftsraum traten
zunächst vollständig in Magdeburg in
Aktion, um entsprechende
Prüfungsausschüsse später auch dort
zu installieren. Diese Aufzählung
ließe sich noch weit fortsetzen.
In der
wirklich einmaligen Aufbruchstimmung,
die meine Vorredner eindruckvoll
geschildert haben, forcierten
Unternehmen aus der vormaligen DDR und
Betriebe der Region eine Zusammenarbeit,
die schnell über Liefer- und
Leistungsbeziehungen hinausging und in
engere gemeinsame Aktivitäten mündete.
Vielfach zum Erstaunen jüngerer
Beteiligter stellte sich heraus, dass
Wirtschaftskontakte aus der
Vergangenheit Jahrzehnte der Trennung
überdauert hatten und problemlos
aktiviert werden konnten. Nach relativ
kurzer Phase eines lockeren
Aufeinanderzugehens zwischen
Unternehmensleitungen aus Ost und West
konnten harte Fakten des täglichen
Geschäfts in Angriff genommen werden
mit hoher Bereitschaft zu intensiver
Zusammenarbeit zum beiderseitigen
Nutzen.
In
vielen Gesprächen wurde übrigens
seinerzeit deutlich, dass als großes
Hindernis einer intensiven
Zusammenarbeit bzw. des Aufbaues neuer
Betriebe in Sachsen-Anhalt die dort
fehlende bzw. anders ausgeprägte
"öffentliche Verwaltung"
genannt wurde. Ich knüpfe hier etwas an
die Ausführungen von Herrn Reinemann
an. Im Westen sind wir es ja gewohnt,
auf die öffentliche Verwaltung
überwiegend zu schimpfen. In
Sachsen-Anhalt wurde jedoch 1990 sehr
deutlich, wie schwierig es ist, konkrete
Geschäfte zu tätigen, beispielsweise
beim Grunderwerb, wenn eine
funktionierende öffentliche Verwaltung
nahezu völlig fehlt.
Aus
dem genannten Grund konzentrierten sich
die Kooperationsaktivitäten aus unserem
Raum schwerpunktmäßig auf
Sachsen-Anhalt. Damit ist jedoch keine
Beschränkung auf diese Region
verbunden. Sowohl innerhalb
Sachsen-Anhalts als auch darüber hinaus
fanden Kooperationsaktivitäten im
Wortsinne breitgestreut in den jungen
Ländern statt. Mehr als 80 Ortsnamen
von Aschersleben und Aue über
Osterwieck bis Zerbst und Zwickau wurden
als Standorte eines Engagements
aufgeführt. Als vorrangige
unterstützende Aktivitäten nannten
seinerzeit Industrie- und
Verkehrsunternehmens technische und
kaufmännische Beratung. Sie sehen
dieses Segment auf der Folie in grün
mit einem Anteil von 17,69 %. Das blaue
Segment mit auch nahezu 17 % spiegelt
die kaufmännische Beratung wider,
gefolgt von der gleichfalls sehr
wichtigen Mitarbeiterschulung mit 11,55
% als hellblaues Segment. Gleich daneben
in der Farbe Grau das interessante Feld
des Aufbaues beziehungsweise der
Übernahme eigener Betriebsstätten
durch Unternehmen aus dem Bezirk der
Industrie- und Handelskammer
Braunschweig. Weitere unterstützende
Aktivitäten waren:
- die Bereitstellung
von Sachmittel,
- die Bereitstellung
von Personal,
- Liquiditätshilfen
und Lieferantenkredite,
- generelle
Absatzunterstützung,
- Beschaffungsunterstützung,
weitere
Kooperationsbeziehungen zum Beispiel
durch Vergabe von Lohnaufträgen etc.
Ganz
speziell mit Blick auf die Industrie
darf ich eine Erfahrung einfügen, die
auch menschlich sehr bewegend war. In
der frühen Phase der Kontakte zu
ehemaligen DDR-Betrieben bestanden diese
Kontakte aus verständlichen Gründen
nur zu "Vorzeigekombinaten",
die auch mit gewissen Anteilen ihrer
Produktion im Export nach
Westdeutschland vertreten waren. Nach
der Grenzöffnung sind wir mit Experten
dieser Unternehmen in vergleichbare
Industriebetriebe unseres
Wirtschaftsraumes gezogen. Die
Ernüchterung war ebenso groß wie
ergreifend: Ich erinnere mich an
Einzelfälle, in denen die Manager aus
Sachsen-Anhalt mit Tränen in den Augen
einräumten, dass ihre
Produktionsanlagen sehr weit hinter dem
westdeutschen Standard zurückliegen und
dass nach ihrer Einschätzung überhaupt
keine Chance besteht, mit ihren
Produktionsanlagen auf dem
westeuropäischen Markt erfolgreich
gegen vergleichbare westdeutsche
Betriebe zu konkurrieren. Das Ergebnis
dieser völlig richtigen Einschätzung
spiegelte sich in den letzten Jahren
sehr dramatisch in dem Fortfall von
Industriearbeitsplätzen insbesondere in
Sachsen-Anhalt, aber auch in den anderen
neuen Bundesländern wider.
Mit
der Einführung der D-Mark in den neuen
Bundesländern brachen die Exporte von
Industriegütern, vorrangig auf
osteuropäische Staaten ausgerichtet,
nahezu völlig zusammen. Auch mit
massiver westdeutscher Hilfe ist es bis
heute nur in wenigen Fällen möglich,
weltmarktfähige Produkte zu
weltmarktfähigen Preisen herzustellen.
Die besonders schwerwiegenden
industriellen Strukturprobleme kann ich
hier nur nennen.
Anlässlich
des 25jährigen Bestehens der
Politischen Bildungsstätte hier in
Helmstedt hat der Politiker und frühere
Minister im Kabinett Modrow, Rainer
Eppelmann, ein vernichtendes Bild der
DDR-Wirtschaft kurz vor der Wende
gezeichnet. Die Spitzenposition der DDR
auf Platz 10 unter allen
Wirtschaftsnationen war eine geschickte
Täuschung, auf die die meisten
Politiker und Führungskräfte der
Unternehmen auch aus dem Westen
hereingefallen sind. Ausgangspunkt der
wirtschaftlichen Wiedervereinigung in
den neuen Ländern waren eine
Instrastruktur weit unter dem
Vorkriegsniveau und kaum beschreibliche
technologische und damit
Arbeitsproduktivitätsrückstände in
den Betrieben. Wer sich diese
Ausgangslage objektiv und rational vor
Augen führt, meine sehr geehrten Damen
und Herren, kann heute nur Bewunderung
über das bisher Erreichte empfinden.
Ich sage dies sehr bewusst und in
Kenntnis vieler Dinge, die man hätte
besser machen können.
Niemand
war auf die deutsche Wiedervereinigung
vorbereitet. Es gab zwar ein
"Ministerium für Gesamtdeutsche
Beziehungen", das jedoch niemals
auch nur daran gedacht hätte, eine
Wiedervereinigung generalstabsmäßig zu
planen. Ich wurde seinerzeit an einen
Ausspruch des Berliner Kabarettisten
Wolfgang Neuß erinnert, der zu seiner
guten Zeit Ende der 70er Jahre einmal
sehr weise voraussagte: "Irgendwann
einmal wird die Wiedervereinigung
Deutschlands vor der Tür stehen – und
dann ist niemand zu Hause!!".
Interessanterweise
hatte die Industrie- und Handelskammer
Braunschweig in den letzten Monaten
mehrfach Besuch aus Südkorea. Politiker
und Wirtschaftsexperten dort bereiten
sich derzeit umfassend auf einen
möglichen Vereinigungsprozess mit
Nordkorea vor und tragen Erfahrungen aus
Deutschland zusammen.
Ich
komme auf unseren Wirtschaftsraum
zurück. Nicht nur Industrie- und
Verkehr, sondern auch Handel, Banken und
sonstige Dienstleistungsbetriebe
strebten Kooperationen an. Aufgrund der
besonderen Bedeutung möchte ich an
dieser Stelle exemplarisch nur auf den
Einzelhandel eingehen.
Der
Übersicht 3 ist zu entnehmen, dass in
dem von der IHK Braunschweig
untersuchten Zeitraum von 1990 bis 1992
68 %
der befragten Einzelhandelsunternehmen
Kooperationsbeziehungen zu
entsprechenden Betrieben in den neuen
Bundesländern eingegangen sind. 20 %
der Befragten gründeten eigene
Niederlassungen bzw. eigene
Betriebsstätten, 8 % beteiligten sich
mit Kapital bei bestehenden Betrieben
überwiegend in Sachsen-Anhalt und nur 4
% gaben an, dass die angestrebte
Partnerschaft gescheitert sei. Aus der
Masse der Kooperationsbeziehungen im
Einzelhandel sind von 1992 bis heute
überwiegend Übernahmen geworden.
Hinter diesem Sachverhalt stehen nicht
nur die heute in den neuen
Bundesländern beklagten "West
schluckt Ost"-Effekte, sondern
starke Konzentrationen und
Filialisierungen nicht nur im deutschen,
sondern im westeuropäischen
Einzelhandel. Professor Geipl,
Geschäftsführer der METRO
Vermögensgesellschaft, hat dies in der
vergangenen Woche auf dem
Zukunftskongress in Braunschweig
eindrucksvoll dargelegt.
Ich
komme zurück zur Unterstützung des
ostdeutschen Einzelhandels in den ersten
Jahren nach dem Fall der innerdeutschen
Grenze.
Der
Schwerpunkt der Unterstützung im
Bereich des Einzelhandels lag in der
kaufmännischen Beratung mit 29 %. Sie
sehen diese Zahl als grünes Segment auf
der Folie. An zweiter Stelle der
Nennungen der von uns befragten
Einzelhandelsbetriebe lag die fachliche
Beratung, im Kreis als blaues Segment
dargestellt. 19 % im grauen Segment
entfielen auf
Beschaffungsunterstützung. Meine Damen
und Herren, ich möchte hier nicht auf
die besondere Problematik eingehen, die
dadurch entstand, dass fast alle
Einzelhandelsunternehmen in den neuen
Bundesländern ihre Regale zunächst
fast ausschließlich mit
"Westwaren" füllten.
Generelle Absatzunterstützung sowie die
Bereitstellung von Sachmitteln und
Personal waren weitere Schwerpunkte der
Unterstützung im Einzelhandel.
Ich
habe bereits angesprochen, dass
selbstverständlich auch im Großhandel
und in anderen Bereichen entsprechende
Unterstützungen liefen. Es bedarf
keiner besonderen Begründung, dass die
schnelle Belieferung gerade ostdeutscher
Handwerker durch den hiesigen
Großhandel in den Bereichen Heizung,
Sanitär, Stahl, Holz,
Installationsbedarfe,
Dachdeckereibedarfe und Baustoffe
erforderlich war und den Neubeginn und
den Aufbau in den neuen Ländern
förderte. Bedingt durch die
genossenschaftliche Basis der
"alten Einkaufs- und
Liefergenossenschaften" gelang hier
eine schnelle Umwandlung der Betriebe;
einige dieser Betriebe wurden auch von
Großhändlern aus dem Raum Helmstedt
gekauft.
Mit
Blick auf den mir vorgegebenen
Zeitrahmen verzichte ich auf die
Darstellung der selbstverständlich
gleichfalls vorhandenen Zusammenarbeit
im Bereich technisch-wissenschaftlicher
Institutionen.
Selbstverständlich
gab es auch negative Erfahrungen bei der
Realisierung von Unterstützungs- und
Kooperationsaktivitäten. Die nicht
arbeitsfähige öffentliche Verwaltung
wurde bereits angesprochen. Des weiteren
gab es die heute bereits vergessenen
Probleme im Telefonverkehr, unsichere
Eigentums- und Grundstückfragen,
teilweise geforderte überzogene Mieten
für Gewerbeflächen sowie Probleme im
Straßenverkehr, die insbesondere den
Filialbetrieben kurzfristige und
regelmäßige Belieferung sehr
erschwerten.
Welche
Wirkungen hatte der Fortfall der
innerdeutschen Grenze kurz- und
mittelfristig auf Beschäftigung und
Wirtschaftsstruktur in unserem
Wirtschaftsraum? In einem von der IHK
Braunschweig initiierten Regionalbericht
hat das Niedersächsische Institut für
Wirtschaftsforschung (NIW) wesentliche
Zahlen in Zeitfenstern von 1980 bis
1989, von 1989 bis 1992 und 1992 bis
1995 untersucht. Ich möchte plakativ
einige Ergebnisse vorstellen.
Sie
sehen auf diesem Bild farbig markiert
die Entwicklung der
sozialversicherungspflichtig
Beschäftigten im Landkreis Helmstedt in
den Jahren 1989 bis 92 mit jährlichen
Wachstumsraten von mehr als 5 %. Die
Öffnung der innerdeutschen Grenze und
die Wiedervereinigung brachten, an
dieser Zahl deutlich zu erkennen, für
den Wirtschaftsraum einen
überdurchschnittlichen Wachstumsschub.
Innerhalb Niedersachsens profitierten
hiervon insbesondere die Kreise der
ehemaligen Grenzregion, also Gifhorn,
Helmstedt und Goslar. Seit dem Auslaufen
des Wiedervereinigungsschubes ist die
Beschäftigtenentwicklung des
Untersuchungsraumes allerdings wieder
deutlich schwächer als im Bundestrend.
Sie sehen dies an den negativen
Beschäftigtenzahlen im Landkreis
Helmstedt in dem Zeitraum von 1992 bis
1995.
Die
Beschäftigungsentwicklung zeigt auch
die besonderen strukturellen Probleme.
Auf der jetzt aufliegenden Folie ist die
Entwicklung der Beschäftigten im
Verarbeitenden Gewerbe abgetragen. Ich
greife auch hier den Landkreis Helmstedt
heraus. Farbig markiert ist der Balken
für die Jahre 1989 bis 92. In diesem
Zeitraum gab es jahresdurchschnittliche
Wachstumsraten von fast 4 % bei den
Beschäftigten im Verarbeitenden
Gewerbe. Direkt darunter sehen Sie aber
den weißen negativen Balken, der den
starken Beschäftigungsverlust in der
Industrie in den Jahren 1992 bis 1995 im
Landkreis Helmstedt zeigt. Gerade in der
Industrie war der Wiedervereinigungsboom
nur von kurzer Dauer und wird heute
längst durch anhaltende
Strukturprobleme negativ kompensiert.
Wesentlich
nachhaltiger hat der örtliche
Einzelhandel von der Öffnung der
innerdeutschen Grenze profitiert. Auf
der jetzt aufliegenden Folie sehen Sie
wieder farbig markiert die
Beschäftigungszunahme im Einzelhandel
von 1989 bis 1992. Dem stehen relativ
geringe rückläufige Wachstumsraten in
den Jahren nach 1992 gegenüber.
Anhaltend positiv ist insbesondere für
Stadt Helmstedt ein relativ hoher
Kaufkraftzufluss nach wie vor auch noch
aus Sachsen-Anhalt.
Meine
Damen und Herren, das Thema der
wirtschaftlichen Bedeutung des Fortfalls
der innerdeutschen Grenze ist nahezu
unerschöpflich. Ich muss an dieser
Stelle selbstverständlich auch auf
jetzt anstehende Probleme hinweisen. Ich
darf als Beispiel nur hohe
Forderungsausfälle in den neuen
Bundesländern nennen, unter denen
beispielsweise auch der hiesige
Großhandel leidet. Und die
Handwerksbetriebe im Landkreis Helmstedt
konkurrieren heute auch bei Aufträgen
in unserer Region mit Betrieben aus
Sachsen-Anhalt, die mit niedrigeren
Lohnkosten und anhaltender staatlicher
Unterstützung arbeiten. Umgekehrt
werden Handwerker aus Niedersachsen bei
öffentlichen Aufträgen in
Sachsen-Anhalt vielfach ausgeschlossen,
weil dort heimische Bewerber offiziell
abgesegnete bevorzugte Berücksichtigung
finden.
Und
unser zentrales Problem ist natürlich
der Strukturwandel in der Industrie.
Aufgrund des sehr deutlichen
Fördergefälles zu Sachsen-Anhalt ist
es derzeit so gut wie unmöglich,
Industriearbeitsplätze auf der
niedersächsischen Seite der ehemaligen
Zonengrenze zu schaffen. Wir
unterstützen deswegen aus dem Landkreis
Helmstedt heraus jede
Industrieansiedlung, die wenige
Kilometer weiter östlich in Harbke
stattfindet. Ich anerkenne, dass die
Förderkulisse politisch gewollt und
für eine bestimmte Zeit auch
gerechtfertigt ist, sie bringt jedoch
sozusagen als Kehrseite der Medaille
gerade für den Helmstedter Raum nicht
zu übersehende Probleme.
Mein
Resümee: Der Fortfall der
innerdeutschen Grenze war ein einmaliges
Ereignis und ich freue mich sehr,
gestaltend an der Überwindung dieser
Grenze beteiligt gewesen zu sein. Wir
müssen jetzt allerdings alle gemeinsam
aufpassen, dass der
Wiedervereinigungseuphorie jetzt nicht
ein zu großes Maß an Skepsis auf
beiden Seiten folgt. Die vorhandenen
Probleme sind lösbar, allerdings nicht
kurzfristig und erfordern damit einen
langen Atem.