Lieber
Herr Brunn, ich wollte Ihnen jetzt nicht
das Wort abschneiden, aber ich habe
gemerkt, daß Sie versucht haben,
Brücken zu bauen zu den einzelnen
Gesprächen, zu den Beiträgen, ich darf
mich zunächst erst einmal ganz herzlich
bedanken für die freundliche Einladung,
darf Ihnen, sehr geehrter Herr
Backhauß, und Ihnen, Herr Kilian,
gratulieren dazu, daß Sie dieses Thema
"Grenzen" mit seinen vielen
Schattierungen, die wir ja im
Eingangsvortrag gehört haben, wieder
aufgegriffen haben. Das ist sicherlich
angetan in der Zeit, wo man über 10
Jahre Grenzen oder auch eben grenzenlos
- wir sind die Grenze los -
spricht, aber ich denke, daß ist auch
gerade angetan in der Zeit, wo es noch
eine ganze Menge Grenzen gibt, auch in
Europa, bzw. wo Grenzen neu gezogen
werden, wo sie schärfer gezogen werden,
wo abgegrenzt oder ausgegrenzt wird und
der Vortrag des Zeitzeugen und
Chronisten, für den ich mich sehr
herzlich bedanken möchte, dieser
engagierte Vortrag hat mich
außerordentlich tief beeindruckt, weil
da noch einmal hochgeholt ist, was
mittlerweile so in Vergessenheit geraten
ist durch den täglichen Kleinkram, den
man so hat, was das eigentlich wirklich
für ein wahnsinniges historisches
Ereignis gewesen ist und daß wir in
Deutschland schon die Möglichkeit
haben, und ich greife jetzt ein bißchen
schon vor auf meine Ausführungen heute
nachmittag, die Erfahrungen mit
einzubringen, die wir 1989 bzw. in den
Folgejahren hatten, als wir uns die
Grenze losgemacht haben. Aber es ist
schon wiederum beeindruckend, wenn man
dann mal reflektiert, daß wir eben in
Europa die Grenzen überhaupt noch lange
nicht los sind. Ich war vor kurzer Zeit,
im letzten Jahr mal auf Zypern gewesen
und war da außerordentlich gerührt und
beeindruckt, als ich da in Nikosia an
der Grenze stand. Einerseits hörte man
den Ruf des Muezzins von der türkischen
Seite, und der schallte über die Grenze
hinweg, weil er lautsprecherverstärkt
war, und plötzlich standen wir vor dem
einzigen Nadelöhr, was es da in Nikosia
gibt, nämlich dem Grenzpunkt, der
makabererweise, einige von Ihnen werden
das kennen, Checkpoint Charly Berlin 2
heißt. Und dort ist mir das, als wir
uns das mit meiner Frau angeschaut
haben, nochmals wie ein Film abgelaufen,
was da eigentlich passiert in Europa,
was da los ist, daß wir einerseits die
Grenze los sind, daß die Mauer gefallen
ist, daß da all die Emotionen
aufgebrochen sind, die Wirtschaftskraft
sich einerseits artikuliert hat mit all
den Auswirkungen, die Herr Dr. Schmidt
gerade erzählt hat und von denen er
berichtet hat , und auf der anderen
Seite werden in Europa Grenzen gebaut,
immer noch aus ganz unterschiedlichen
Gründen, da sind es die Grenzen im
Kosovo, die gerade jetzt schärfer
gezogen werden, die errichtet werden, wo
man ausgrenzt, wo sich die Menschen
abschlachten, wo wir hören, daß auf
Marktplätzen da Bomben explodieren und
Menschen neue Grenzen ziehen wollen,
ethnische Grenzen ziehen wollen, auf der
anderen Seite wieder positive
Nachrichten vernehmen, wie gestern von
Herrn Verheugen, der sagte, daß die
neue Tendenz der europäischen
Kommission ist, weiteren
Mitgliedsstaaten, europäischen Staaten,
die Mitgliedschaft in der Europäischen
Union zu ermöglichen, sicher mit
anderen Übergangsbedingungen als es
jetzt mit Polen und anderen Ländern
vereinbart ist, daß heißt, da sollen
wiederum Grenzen aufgeweicht werden,
perspektivisch, und im gleichen Atemzug,
und jetzt kommt ein Stück Pessimismus
in meine Ausführungen rein, hört man,
daß - ich will jetzt nicht mit Zahlen
operieren - aber doch eine
repräsentative Gruppe von
Bundesbürgern sagt, wir wollen die
Grenze von vor 1989 wieder haben. Ich
weiß nicht, ob die Zahl stimmt,
deswegen bin ich sehr vorsichtig. Ich
hab was gehört von 20 %. Ob die
Zahl richtig ist, vermag ich nicht zu
sagen. Ich kann es mir aber durchaus
vorstellen und insofern ist die ganze
Thematisierung dieses Begriffes mit all
seinen Schattierungen enorm wichtig.
Weil im Moment niemand über Grenzen
spricht, man akzeptiert sie, nimmt sie
recht und schlecht hin, versucht, mit
krimineller Energie andererseits, mit
Phantasie einerseits, mit krimineller
Energie einerseits, mit Phantasie auf
der anderen Seite zu umgehen. Aber wie
wir in einer Gesellschaft, die sich in
Erwartung des 21. Jahrhunderts
anschickt, vieles neu zu machen in
Europa, Deutschland, mit Grenzen umgehen
wollen, dazu wird meiner Meinung nach im
Moment zu wenig gesagt, und daß ist das
Schöne, auch wenn der Kreis, wie Sie
vorhin so charmant sagten, überschaubar
ist, die Einladungsliste ist weniger
überschaubar. Ich hätte mir
gewünscht, daß der Kreis etwas
unüberschaubarer ist, also daß etwas
mehr Eingeladene diese Chance genutzt
hätten, über das Thema zu sprechen.
Also ich finde es wichtig und gut, daß
Helmstedt mit den Erfahrungen, die Herr
Bjarsch geschildert hat, sehr
eindrucksvoll geschildert hat, mit den
Erfahrungen auch nach außen geht, und
wenn es bis nach Korea ist, wie Sie
sagten, Herr Schmidt.
....und
auch gleich einen Sprung machen möchte,
sozusagen von der westlichsten Ecke
Deutschlands, von der Ecke Aachen, ich
wollt gerade sagen, und der östlichen
Belgiens, zu der östlichsten Ecke
Deutschlands und zu der westlichsten
Ecke Polens. Die Ausdehnung zwischen
Aachen und Görlitz ist ja die
bekanntlich größte Ost-West-Ausdehnung
von ungefähr 800 km, die wir überhaupt
haben. Ja, Sie sind schon so nett und
legen die Folie auf. Ich wollte eine
kleine Vorbemerkung noch machen. Der
Herr hatte mir ja schon eine Brücke
gebaut. Ich wollte ja eigentlich nur
Ihnen zur Verortung unserer Stadt noch
mal einen kleinen optischen Einblick
verleihen, also Görlitz, wenn Sie so
sehen, ist noch nicht ganz in Warschau.
Sie haben natürlich recht, mental und
im topographischen Verständnis der
Deutschen, besonders auch der
Westdeutschen, ist es schon ein bißchen
ein Problem, immer einzuordnen, wie
sieht das da mit der Topographie der
neuen Bundesländer aus. Häufig ist ja
die Topographie Amerikas den Bürgern in
den alten Bundesländern vertrauter als
die der neuen Bundesländer. Und mir
fiel bei Ihrer Bemerkung vorhin ein,
daß ich auch schon einmal in Hamburg
gefragt worden bin: "Sie kommen aus
Görlitz? Da sprechen Sie aber gut
Deutsch." Also, vielleicht sehen
Sie an dem Bild noch mal, was wir in
unserer kleinen
Wirtschaftsförderbroschüre drinnen
haben, Görlitz liegt relativ zentral,
und ich darf noch eins oben draufsetzen,
nicht nur wenn Sie die Kreise anschauen,
sind im Einzugsgebiet von 250 km die
großen Städte Breslau, Berlin und
Prag, sondern durch Görlitz führt im
übrigen auch der 15. Meridian, der 15.
Grad östlicher Länge, der ja immerhin
bekanntermaßen die mitteleuropäische
Zeit fixiert, und damit können wir
eigentlich immer sagen: "Alles, was
östlich davon ist, ist immer ein
bißchen zu zeitig, und alles, was
westlich ist, ist immer ein bißchen zu
spät." Und wenn alle Korken
knallen zum 31.12.1999 und der
01.01.2000 begrüßt wird und die Korken
z.B. hier bei Ihnen knallen, dann würde
ich mal schätzen sind Sie 20 Minuten zu
zeitig, denn schon unser Rathaus ist 6
Sekunden außerhalb der genauen
Mitteleuropäischen Zeit, wenn man die
Ortszeit ansetzen würde. Also wenn Sie
Silvester wirklich pünktlich ins Jahr
2000 kommen wollen, dann müssen Sie
nach Görlitz kommen, da kommen Sie ganz
pünktlich. Nur eine kleine
Randbemerkung. Darauf wollte ich
eigentlich gar nicht eingehen, sondern
es geht ja heute um das Thema ‘Grenzen’.
Die Grenzen, ja, wenn Sie so freundlich
sind, die Grenzen in Europa sind, lösen
sich zunehmend auf. Wir haben heute
vormittag viel gehört über das
Auflösen der innerdeutschen Grenze. Ich
gratuliere Ihnen dazu. Das ist ein
wirklich unglaublich tolles Ereignis
gewesen. Ich hatte mich heute vormittag
schon dazu geäußert und kann das an
dieser Stelle lassen, aber ich darf eins
hinzufügen. Die oder wir sind die
Grenzen los und die Grenzen, die Sie los
sind, die haben wir jetzt. Das muß man
natürlich auch mal ganz deutlich sagen.
Denn durch unsere Stadt, durch unsere
Region, gehen mittlerweile alle Grenzen,
die wir in Europa überhaupt noch haben.
Wir haben eine Region, über die dann
Herr Liebig noch etwas Genaueres sagen
wird, über die Euroregion Neiße will
ich mich jetzt nicht so sehr verlieren,
aber wir sind in einer Ecke eines
Dreiländerecks Polen, Tschechien und
Deutschland mit einer geteilten Stadt,
mit einer Stadt, die 1945 im Ergebnis
des Potsdamer Abkommens geteilt worden
ist. Ja, und durch unsere Stadt ziehen
sich alle Grenzen, die man sich so
vorstellen kann, die Sprachgrenze, die
Kulturgrenze, die Währungsgrenze, die
Wirtschaftsgrenze, die Sozialgrenze, die
Wohlstandsgrenze. Was haben wir noch
für Grenzen? Das waren sie eigentlich.
Nein, es fehlt noch eine Grenze,
nämlich die EU-Außengrenze und alles
das, was durch die Auflösung der
Binnengrenzen im Rahmen des Schengener
Abkommens nicht mehr notwendig ist im
EU-Binnenbereich, das findet ganz genau
bei uns statt. Dazu noch einige
Bemerkungen später. Durch die Lage an
der Grenze ergibt sich für unsere Stadt
heute ein Bild, das schon etwas kurios
sich darstellt. Denn dadurch, daß die
Neiße als Grenzfluß markiert worden
ist, auch dazu später noch einmal einen
Satz, gibt es kein normales Stadtbild
für eine kreisfreie Stadt, die ja sich
anschickt, sich immer irgendwie rund zu
entwickeln, also alle Infrastrukturen um
ein Zentrum herumzulegen. Diese
Erweiterung nach Osten ist quasi
staatsrechtlich nicht möglich, so daß
uns immer nur eine Erweiterung nach
Norden und nach Süden und ein bißchen
nach Westen offen bleibt. Die rot
eingezeichneten Gebiete sind neu
hinzugekommene eingemeindete Gebiete, so
daß die Stadtstruktur sich
außerordentlich unorganisch darstellt,
wenn nicht eine Ausdehnung, sondern eine
Südausdehnung ungefähr 25 km hat und
eine Ost-West-Ausdehnung von etwa nur 6
km. Alle, die was mit städtischer
Infrastruktur zu tun haben, wissen
natürlich, was für Probleme sich damit
ergeben. Das war aber, meine sehr
geehrten Damen und Herren, nicht immer
so gewesen, denn die Stadt Görlitz, und
da komme ich zu einem ganz kurzen
historischen Exkurs, die Stadt Görlitz
ist irgendwann mal entstanden am
Kreuzungspunkt zweier großer
Handelswege, also auch schon
europäische Dimensionen erheischend vor
über 1.000 Jahren, 1071 das erste
Mal urkundlich erwähnt, am Schnittpunkt
zweier Handelswege, nämlich einmal der
Ost-West-Verbindung durch Europa, also
quasi von der Atlantikküste bis zum
Ural oder bis hin in den asiatischen
Raum, wenn man so will, noch weiter die
sogenannte Viaregia und die Achse, die
den Ostseeraum eben über Görlitz und
Zittau und Prag, also Böhmen mit
Italien verband. Und genau an dieser
Stelle , wo hier diese Furt über die
Neiße ist, war eine Möglichkeit, die
Neiße zu überqueren und da entstand
eine Siedlung und zu der Siedlung
entstand eine Kirche und zu der Kirche
entstand eine Festung und, und, und...
Wie der Entwicklungsgang unserer Städte
eben gewesen ist. Man muß sich dieses
Bild vorstellen so in der Mitte des, ja,
oder am Ende des 13. Jahrhunderts, eine
kleine Stadt. Ich habe es deswegen
mitgebracht, weil wir eben hier auch
über Grenzen reden, eine kleine Stadt,
die sich bis zur ersten Hälfte des 13.
Jahrhunderts in dem grünen Bereich
abgespielt hat, dann schon eine
größere Entwicklung hatte und sich
natürlich mit einer festen Stadtmauer
umgeben hat, eine unwahrscheinlich
prosperierende Stadt, das sehen wir
heute noch an der Architektur, die in
der Stadt steht und eben nicht durch die
Kriege dieses Jahrhunderts zerstört
worden ist, sondern in ihrer Struktur
noch so erhalten ist, wie die Altvordern
das aufgebaut haben. Wir hatten alle
möglichen Privilegien gehabt, damals
zur bömischen Chronik gehörend bis
1635, die man sich so denken konnte,
weil die Stadt wohl-, also die Bürger,
nicht die Stadt war nicht wohlhabend,
sondern die Bürger waren wohlhabend,
konnten sie sich viele Privilegien
erkaufen, z.B. das Stapelrecht, man
hatte das Recht erworben, Waren, die auf
den Wegen, den beiden Handelswegen
transportiert wurden, zu lagern, zu
stapeln. Das heißt, man konnte, die
Waren mußten 72 Stunden präsentiert
werden und somit nur das, was verkauft
wurde, durfte weiterverkauft,
weitertransportiert werden. Man hat also
den Markt bestimmen können. Das waren
vor allem die Tuche gewesen natürlich,
das waren Färbestoffe, die aus dem
Thüringischen kamen und nach Osten
gingen. Man hatte das Privileg sich
erkauft, Münzen prägen zu dürfen, man
hatte sich das Privileg erkauft 1346,
Bier brauen zu dürfen, z.B. wir hatten
120 Brauhöfe, meine Herren, das war ein
Eldorado natürlich gewesen für die
Trinker, aber das muß man sich alles
ein bißchen anders vorstellen als
heute. Es waren natürlich keine
Brauereien in dem Stil, sondern es waren
kleine Brauhöfe, wo die Bürger
zusätzlich zu ihrem Erwerb eben auch
ein bißchen Bier brauten, das gehörte
zum guten Ton. Diese Entwicklung hatte
eigentlich ein jähes Ende mit den
Ergebnissen des Prager Friedens 1635.
Görlitz, also die östliche
Oberlausitz, wurde an Sachsen
geschlagen, August der Starke, nur so
ein kleiner Streifzug, das wissen Sie,
hatte alles andere vor als die
Oberlausitz nun großzumachen. Er wollte
Dresden, seine Residenzstadt,
aufpolieren, hat Schlösser gebaut und
Lustschlösser usw., hat dann lediglich
die Oberlausitz genutzt, um
durchzureiten bzw. die Steuern dort zu
holen, denn er war ja auf dem Vormarsch
nach Polen, wollte polnischer König
werden, ist ihm ja auch alles gelungen.
Das war eine ziemliche Stagnationsphase
zwischen 1635 und 1815, als nämlich
wiederum im Zuge kriegerischer
Auseinandersetzungen die östliche
Oberlausitz wieder mal umverteilt wurde,
nämlich dann zu den Preußen, und es
kam zur Provinz Schlesien und erhielt
den wirtschaftlichen Aufschwung, der
einerseits der Zeit innewohnte, aber
speziell natürlich aufgrund der Lage
der Stadt sich entwickelte. Und da bin
ich beim Wort Grenzen. Denn damals gab
es einen Oberbürgermeister, der sagte:
"Wir müssen unsere Grenzen
aufbrechen, wenn wir in den Begrenzungen
unserer Stadtmauern bleiben, dann werden
wir das alles nicht, werden wir den
Anschluß nicht wieder finden und wir
werden ein unbedeutendes Provinznest
bleiben", was wir eigentlich
geworden sind, denn inzwischen waren ja
Leipzig sowieso, aber auch Dresden und
Berlin und Breslau, also die umliegenden
Städte hatten sich wesentlich mehr
entwickelt. Und so hat man angefangen,
die südliche Stadtmauer aufzubrechen
und auch die westliche aufzubrechen und
eine ganz weitsichtige Stadtplanung
angelegt, hat die Bevölkerungszahl
innerhalb von wenigen Jahren von 8.000
auf 80.000 erhöht durch einen
wahnsinnigen Wohnungsbau, durch einen
ganz weitsichtig geplanten, durch eine
weitsichtig geplante
Infrastrukturplanung mit allen
Infrastrukturelementen, die man Anfang
des 20. oder Ende des 19. Jahrhunderts
brauchte mit Schulen, Krankenhäusern,
Kirchen, Straßenbahnen, Kanalisationen
und all diesen Dingen. Es kam dem
wirtschaftliche Aufschwung zugute, daß
die Gelder auch dafür vorhanden waren
und es kam zugute, daß es ein
Hinterland quasi gab, ein städtisches
Hinterland, nämlich östlich der
Neiße, Richtung Bunzlau gelegen,
Waldungen, Braunkohlegruben, damit
Brikettfabrik, Gaswerk usw. und so fort,
Energieerzeugung. Ja, und das Ganze
hatte dann dieser wirtschaftliche
Aufschwung, der die Stadt bis 1945 fast
bis an die 100.000er Grenze heranführte
der Einwohnerzahl, ein jehes Ende mit
den Ergebnissen des Zweiten Weltkrieges.
Auf Krim bzw. dann in Jalta hatten sich
ja die Supermächte dazu verständigt,
die Neiße und die Oder als Grenzflüsse
festzuschreiben, wobei noch nicht ganz
klar war, welche Neiße eigentlich
gemeint war. Das hat dann Stalin mit
einem Handstrich gemacht, sagt man. Es
ist in den Urkunden nicht nachzulesen,
aber man sagt, daß ja nicht die
Lausitzer Neiße, also unsere Neiße,
gemeint war, sondern die Glatzer Neiße,
die liegt ja so 200 - 300 km weiter
östlich. Das heißt also, das hätte
alles anders aussehen können, auch der
Zuschnitt des Deutschlands nach 1945,
wenn dann nicht Stalin gesagt hätte:
"Ist egal, jetzt nehmen wir eben
die Lausitzer Neiße dazu." Was
aber Fakt ist und was sich in den
Dokumenten durchaus nachlesen läßt,
und jetzt komme ich wieder zum Thema
"Grenzen", ist die Tatsache,
daß diese Grenze, diese
Oder-Neiße-Grenze ja nirgendwo
festgeschrieben worden ist. Ich habe
gerade in Vorbereitung auf diese Tagung
noch mal das Potsdamer Abkommen
nachgelesen. Da steht eben in der Tat
drin, daß die Grenzproblematik einer
künftigen Friedenskonferenz vorbehalten
bleibt. Und diese künftige
Friedenskonferenz hat nie stattgefunden.
Das heißt, eigentlich bis zum Jahr
1991, als dann endgültig die Verträge
zwischen Polen und der Bundesrepublik
Deutschland unterschrieben worden sind,
ist die Grenzfrage offen geblieben und
das Zweite, es ist auch die Frage offen
geblieben: Wem gehört denn eigentlich
der Grund und Boden? Denn auch das ist
im Potsdamer Abkommen offen gelassen
worden. Man hat diese Gebiete, also
Schlesien, Oberschlesien und
Ostpreußen, unter derzeitige polnische
Verwaltung gestellt. Und das hat
natürlich weit greifende Auswirkungen
auf das, was sich in den Jahren nach
1945 getan hat bzw. auch genauer gesagt,
was sich nicht getan hat in den
Beziehungen. Denn einerseits, das haben
uns die polnischen Kollegen und Freunde
gesagt, haben die bis 1991 auf gepackten
Koffern gesessen, denn sie haben ja nie
gewußt, wie geht es denn, wie wird denn
nun mal eine völkerrechtliche Lösung
sein. Das heißt, es ist auch nicht
groß investiert worden ab polnischer
Seite. Man hat ja nie gewußt, was
passiert da eigentlich. Auf der anderen
Seite hat man nach Flucht und
Vertreibung 1945 ff. eine ganz offensive
Ansiedlungspolitik in Polen betrieben,
hat gerade in unserem östlichen
Stadtteil ?, dem heutigen ?, es waren ja
fast keine deutschen Einwohner mehr da
gewesen, von einer Einwohnerzahl, die
vor dem Krieg bei etwa 8.000 lag, war
sie ganz dünn besiedelt, nur ein ganz
kleiner Teil des bebauten Stadtgebietes
war östlich der Neiße gewesen, eine
Ansiedlungspolitik betrieben, die auf
40.000 Einwohner heute etwa geht, und
dabei sind nur etwa 30 % der Einwohner
heute in ?/Polen, alle anderen kommen
aus allen möglichen anderen Gebieten,
aus Galizien, aus der Lemberger Gegend,
aus der Ukraine, aus Rußland, und was
erst seit wenigen Jahren eröffnet
worden ist, das ist so eine kleine
Verwirrung der Geschichte, es sind in
den 50er Jahren etwa 14.000 Griechen
angesiedelt worden in ?. Es hing damals
mit der Militärjunta in Griechenland
zusammen. Progressive Kräfte haben das
Land verlassen und sind in
sozialistische Länder gegangen und
wurden also da sozusagen, man sagte das
in Polen so, an die polnische Ostfront
geschickt, also z.B. in ? angesiedelt.
Von da aus sind sie wieder verteilt
worden über die Jahre. Aber wir haben
in ? noch eine richtige feste
griechische Siedlung mit einer eigenen
Kultur und einer eigenen Sprachpflege
usw. Trotz Oder-Neiße-Friedensgrenze,
der Vertrag ist im übrigen auch in
Görlitz unterzeichnet worden, hat es
hier eine wirkliche Zusammenarbeit
zwischen den sozialistischen
Bruderländern überhaupt nicht gegeben
in den ganzen Jahren. 1972 wurde ja erst
der visafreie Grenzverkehr eingeführt
zwischen beiden Ländern. Das muß man
sich auch mal auf der Zunge zergehen
lassen. Also Dinge, die hier im Westen
völlig selbstverständlich waren, waren
überhaupt nicht selbstverständlich .
Es ging nur mit Visum und mit Einladung
usw., daß man nach Polen in Urlaub
fahren konnte. Also das war eine große
Erleichterung. Aber die Freude hielt nur
kurz an, denn 1980 kam die Solidanosz an
die Macht und damit war mit einem Mal
die Tür wieder zu. Ich habe mal ein
schönes Foto gefunden, ich habe es für
Sie bloß kopiert. Ja, mit einem Mal war
die Karl-Marx-Straße zur Sackgasse
geworden und die Grenze war geschlossen.
Das heißt, bis zum Jahr ’91, als der
visafreie Grenzverkehr erneut
eingeführt worden ist, dann für beide
Seiten, war eigentlich seit ’45, und
’45 bis ’91 lediglich 8 Jahre, die
wirklich unbegrenzte Möglichkeit, über
die Grenze hinwegzugehen. Aus dem Grund
haben sich natürlich auch nur in sehr
geringem Umfang Kontakte, menschliche
Kontakte, persönliche Kontakte,
institutionelle Kontakte, über die
hinaus aufgebaut, die quasi verordnete
Kontakte zwischen den
Jugendorganisationen usw. gewesen sind.
Und im übrigen haben sich dann auch die
Animositäten, die Vorbehalte, hier
überhaupt nicht abbauen können, weil
die Menschen nicht zusammengekommen
sind, so daß eigentlich die richtige,
das richtige Zusammenrücken, das
Grenzenüberwinden seit 1990 erst vor
sich gegangen ist. Dabei, meine Damen
und Herren, wenn Sie auf dieses Bild
schauen, auf diese Luftbildaufnahme,
sagen Sie mir bitte, wo hier eine Grenze
ist. Man kann sie überhaupt nicht
sehen. Dieses kleine Flüßchen Neiße,
das hier durch die Stadt sich
durchschlängelt, sieht man überhaupt
gar nicht. Das heißt, optisch und in
der Wahrnehmung in der Landschaft ist
die Grenze ja überhaupt nicht
gezeichnet und dennoch ist sie da und
eben in einer Art und Weise, wie sie nur
schwer zu überwinden ist. Das hat Vor-
und das hat Nachteile. Dazu komme ich
gleich noch mal , darauf komme ich
gleich noch mal zu sprechen. Was haben
wir aber getan seit ’91, um die Grenze
quasi in den Köpfen zurückzubauen? Ich
sagte vorhin schon, ’91 Abkommen der
beiden Staaten, das war ein wichtiger
Schritt, um überhaupt ein Stück näher
aneinanderzukommen. Wir haben eigentlich
parallel zu dieser Zeit auch angefangen,
zwischen den beiden Städten ganz
intensiv Kontakte aufzubauen und
unterhalten seit 1994 eine sogenannte
deutsch-polnische
Koordinierungskommission, der ich auf
der deutschen Seite vorstehe und mein
polnischer Kollege auf der anderen
Seite. Wir treffen uns einmal monatlich
und dort werden eigentlich alle
gemeinsam interessierenden Fragen
vorbehaltsfrei, tabufrei besprochen,
Projekte besprochen, die Träger an uns
rantragen, Dinge besprochen, wo wir
gemeinsam auch gegen die Landesregierung
bzw. die neue Botschaftsverwaltung oder
die polnische Staatsregierung uns
wenden, wenn es z.B. um die Errichtung
von Grenzübergängen geht. Wir wollen
gern die Altstadtbrücke, die alte
Altstadtbrücke, die an dieser Stelle
gewesen ist und die historische Brücke
war, die soll wieder hergestellt werden,
und da gibt es sehr unterschiedliche
Auffassungen der beiden Länder, also
der Regierung in Warschau und der
Regierung in Berlin, ab welcher Art und
Weise das geschieht, aber wir behandeln
auch Projekte, die grenzüberschreitend
sind, so, wie Sie das ähnlich vorhin
besprochen haben aus dem
deutsch-belgischen Grenzraum,
belgisch-deutschen Grenzraum,
Entschuldigung, daß da gemeinsam
besprochen wird, wie wollen wir die
Förderproblematik angehen, was wollen
wir dort gemeinsam machen. Auf der
anderen Seite, meine Damen und Herren,
bringen diese Grenzen, die wir haben,
natürlich Begrenzungen mit sich, die
man sich auch mal auf der Zunge zergehen
lassen muß. Also alles, was in einer
sonst durch einen Fluß geteilten Stadt
normal ist, ist eben einfach bei uns
nicht normal. Da gibt es z.B. nicht so
einfach die Möglichkeit, daß
öffentlicher Personennahverkehr über
die Grenze fährt, weil das eben anderes
Staatsgebiet und außerdem noch ein
Gebiet ist, was nicht zur Europäischen
Union gehört. Wir haben trotzdem damals
gegen allen Willen eine Buslinie
eingeführt 1992. Da gibt es keine
Vereinbarung zwischen den Ländern oder
zwischen den Organisationen dazu, der
Bus fährt einfach. Der wird toleriert,
und ich muß sagen, wir haben, ich sag
es nicht, weil Herrschaften hier am
Tisch sind, sondern weil es wirklich
wahr ist, eine hervorragende
Zusammenarbeit, besonders auch mit dem
Bundesgrenzschutz, auch mit dem Zoll und
auch mit den polnischen Grenzorganen,
wobei das ein bißchen schwankend ist,
je nach dem, wie gerade, das werden Sie
ja sicherlich bestätigen, wie gerade
die Einkommenslage der polnischen
Grenzer ist, die dann immer mal Dienst
nach Vorschrift machen, wenn sie quasi
nicht streiken dürfen, aber auf ihre
Mißstände bei den Einkünften
hinweisen wollen. Es gibt die
Möglichkeit, das Taxi
grenzüberschreitend zu nutzen. Es gibt
so ein Intertaxi. Da gibt es 40 Scheine
für Taxifahrer auf deutscher Seite,
genau so viele auf polnischer Seite, so
daß Sie sich durchaus in Görlitz am
Bahnhof ins Taxi setzen können und dann
ohne große Wartezeiten auf der Busspur
den Grenzübergang passieren können.
Wir haben 1992 ein deutsch-polnisches
Kulturbüro eingerichtet. Es war ein
ziemliches Wagnis gewesen, weil das ja
ein Mitarbeiter ist, der quasi als
Grenzgänger arbeitet, aber auf
polnischem Staatsgebiet überhaupt nicht
versichert ist. Trotzdem hat er seit
dieser Zeit ein Büro in Polen und ist
also zu einer zentralen Anlaufstelle
für alle möglichen Projekte weit über
die Kultur hinaus aus dem Schulbereich,
aus dem Umweltbereich, aus dem
Sportbereich geworden ist, gleichzeitig
auch Zentralstelle des
deutsch-polnischen Jugendwerkes und ist
quasi so eine Art Mikrokosmos, der
versucht, diese kleinen menschlichen
Kontakte zwischen Schulen, zwischen
Vereinen, zwischen Sportvereinen usw.
herzustellen, ganz wichtiges Instrument.
Wir haben das Europahaus ins Leben
gerufen, das sich als eine Zielstellung
die europäische Bildung und
Kommunikation auf die Fahnen geschrieben
hat, als zweites Gebiet natürlich
speziell die Aufgabe, die wir vor Ort
haben, ich habe seit ’91 die Ehre, dem
Europahaus auch als Vorsitzender
vorzustehen. Wir haben auch Themen
herausgearbeitet, die echte
Grenzproblematiken sind,
Drogenproblematik z.B. Es findet jetzt
wieder fast zur Stunde ein
Drogensymposium statt, was von deutschen
und polnischen Verantwortungsträgern,
also da sind natürlich die
Sicherheitskräfte dabei, da sind die
Leute dabei, die präventiv arbeiten,
die also darüber nachdenken, wie kann
man mit der Drogenproblematik fertig
werden, die weniger uns betrifft, das
muß ich so deutlich sagen. Es gibt also
bei uns keine Drogenscene in dem Sinne,
aber in Polen gibt es natürlich
erhebliche Probleme und die Probleme
stehen sozusagen ja fast wörtlich
gesagt vor der Tür. Wir haben letztes
Jahr auch mit der Polizei, das heißt,
die Polizei hat es eigentlich
ausgerichtet, mit uns eine große
Antidrogendisko gemacht mit deutschen
und polnischen Jugendlichen. Es war eine
ziemlich riskante Unternehmung, aber das
hat funktioniert. Ich könnte jetzt
viele, viele Beispiele ansprechen. Die
Zusammenarbeit der Sicherheitskräfte,
daß also z.B. die Polizei dabei ist,
eine gemeinsame Polizeiwache zu
errichten, deutsch-polnische
Polizeiwache, daß mittlerweile auch
deutsche Beamte polnischen Beamten bei
Sicherheitskontrollen behilflich sind,
da zwar nicht agieren dürfen auf
polnischem Gebiet, aber sich im
Hintergrund aufhalten und wenn sie denn
z.B. deutsche Verkehrssünder erwischt
haben, eben dann auch mithelfend
unterstützen können. Es gibt im
Bereich des Gesundheitsschutzes, des
Umweltschutzes erheblichen
Nachholbedarf. Also die Neiße als Fluß
war ein stinkendes Rinnsal, weil alle,
die irgendwie Anrainer waren, alles das
reingekippt haben in die Neiße, was es
einfach nur reinzukippen gab, weil jeder
gesagt hat, von uns läuft es weg. Und
wir haben z.B. das Problem gehabt, wir
haben so einen relativ großen See
innerhalb der Stadt, das Volksbad, für
die, die etwas mehr involviert sind, das
ist so ein Neißerückstau und wir haben
uns gewundert, daß der Neißerückstau
immer mehr mit Fäkalien verunreinigt
worden ist, und es war nicht
rauszukriegen, wo die eigentlich
herkamen. Wir haben nach undichten
Abwasserleitungen gesucht. Das war der
völlig falsche Weg. Die polnische Seite
hat etwas unterhalb dieses Einlaufes,
dieses Rückstaus, ungeklärt Abwasser
aus solchen Rohren in die Neiße
eingeleitet und damit kam natürlich der
Fäkalienrückstau zustande. Es ist
innerhalb von kurzer Zeit abgestellt
worden, eben auch durch Förderung, so
wie wir das gerade gehört haben, also
eine Interregförderung, daß also dort
entsprechende Pumpstationen, Klärstufen
usw. eingebaut worden sind. Und dennoch
gibt es eine, setzen die Grenzen
natürlich auch Grenzen in der
Zusammenarbeit. Wir sind gerade dabei,
eine Grenze zu überwinden, nämlich die
Zusammenarbeit der Rettungskräfte. Es
ist schlichtweg nicht möglich, wenn es
in ? brennt, daß die Görlitzer
Feuerwehr ausrücken darf und mithelfen
kann. Es gibt dazu keine Abkommen. Es
gibt nicht einmal Normierungen und
Standardisierungen bei den Anschlüssen
der Feuerwehr. Wir wollen jetzt im
Oktober, 25. Oktober, einen Vertrag
unterzeichnen, und zwar auf der
Grundlage einer Erklärung der beiden
Länder, also des Freistaates Sachsen
und der neuen Botschaft Niederschlesien,
die am 17. September, jetzt vor
14 Tagen, unterzeichnet worden ist,
wo wir sagen, jetzt können wir auf
diesem Gebiet etwas tun. Mann will es
auch gleich mit einer Übung verbinden
und mal gucken, ob das überhaupt geht.
Denn die Logistik ist natürlich eine
andere, nicht nur die Sprache ist eine
andere, sondern die Einsatzlogistik ist
eine andere, und vieles andere mehr.
Auch der Einsatz von Rettungskräften
z.B. im medizinischen Bereich, also
theoretisch, wenn ein deutscher Tourist
verunfallt, kann er mit dem polnischen
Krankentransport bis zur Mitte der
Brücke gefahren werden, dort muß er
umgeladen werden in den deutschen
Rettungstransporter und wird
weitergefahren. Da gibt es natürlich
schon Kompromisse, aber theoretisch ist
es so, genauso wie eben durch die nicht
vorhandene Anerkennung von
Berufsabschlüssen, die Approbation
eines polnischen Arztes
versicherungsrechtlich in Deutschland
nicht zählt. Das heißt also, wenn ein
deutscher Tourist auf dem Polenmarkt
einen Herzinfarkt kriegt, um ein
Beispiel zu machen, und wird von einem
polnischen Arzt, ihm wird geholfen, aber
der polnische Arzt kann vielleicht wie
ein deutscher Arzt ihm gar nicht mehr
helfen, weil es schon zu weit ist und
weil er nicht mehr zu retten ist, und
man will irgendwelche Ansprüche
erheben, geht nicht, weil der polnische
Arzt, er ist sozusagen, wird so
behandelt, als ob er nicht ausgebildet
wäre. Oder nehmen wir mal ein positives
Beispiel. Wir haben in unserem
Krankenhaus , ein
Schwerpunktkrankenhaus, in Görlitz in
den letzten Jahren unwahrscheinlich viel
investiert und neue Medizintechnik
eingebaut. Das ist natürlich
interessant für polnische Ärzte, um
einfach mal zu sehen, wie geht das so
mit dem MRT, wie geht das so mit
Tomographie, mit anderen Geräten. Wir
haben sehr viele Anfragen nach Praktika
und dann müssen wir immer sagen:
"Ihr könnt kommen, aber ihr müßt
die Hände auf dem Rücken halten. Ihr
dürft nicht am Patienten
arbeiten." Also er darf kein
Herzkatheter legen oder keine Infusion
legen oder sonst irgendwelche Dinge. Das
heißt, hier gibt es ein ganz dringenden
Handlungsbedarf, und zwar einen
Handlungsbedarf auf politischer Ebene,
daß wirklich Rahmenbedingungen
geschaffen werden, daß wir wirklich
Grenzen überwinden können, daß diese
Grenzen, von denen ich vorhin sprach,
überwunden werden können. Wir können
auf der kommunalen Ebene vieles tun. Wir
können an der Stelle agieren, wo ja
entweder keine Regelungen vorhanden
sind. Das ist vielfach im Kulturbereich
so gegeben, oder wo es Grauzonen gibt,
ja eigentlich, wenn man sich an alle
Gesetze halten würde, würde überhaupt
nichts passieren, dann könnten nicht
mal die Schüler, die in dem gemeinsamen
Mandolinenorchester spielen und ihre
Probe in ? haben, mit ihrem Instrument
über die Grenze gehen, weil das ja
schon wieder EU-Außengrenze ist und
eigentlich ein Carnet notwendig wäre.
Sie kennen das zum Export von
Musikinstrumenten. Und wir könnten
niemals eine Ausstellung in der
Kunsthalle machen, die nämlich auf
polnischer Seite steht, das ehemalige
Museum, weil das wieder Kunstgut ist,
was wir in ein Land exportieren würden,
was nicht zur Europäischen Union
gehört. Genauso ist es natürlich mit
den Schülern, die bei uns in der Schule
sind, oder polnische Schüler besuchen
durchaus auch Schulen in Görlitz. Es
findet aber alles quasi im Bereich der
Grauzone statt, wei das
versicherungsrechtliche Dinge,
Anerkennung von Schulabschlüssen usw.
nicht geklärt sind. Genau deswegen ist
es besonders wichtig, daß auf den
Gebieten des Sports, der Zusammenarbeit
der Kirchen, es gibt also seit Jahren
die grenzüberschreitenden Prozessionen,
Fronleichnamsprozession, das sind sehr
ergreifende Geschichten, die dann immer
stattfinden, oder auf dem Kulturgebiet
Vorreiterpositionen eingenommen werden,
damit die Grenze niedrig gehalten wird.
Ich denke, daß wir uns auch im klaren
darüber sein müssen, das ist ja heute
früh schon angesprochen worden, daß
Grenzen natürlich auch Sicherheit,
Sicherungsfunktionen haben müssen.
Sonst haben unsere Altvorderen
Stadtmauern um ihre Städte gebaut und
insofern muß bei aller Euphorie des
Beitritts Polens zur Europäischen Union
und die Polen, die sind im Moment von
einer Energie erfaßt und möchten im
Prinzip, kürzlich hat einer gesagt, bis
zum 31.12.2002 hat Polen die
Beitrittsbedingungen erfüllt, also bei
aller Euphorie dürfen wir natürlich
nicht vergessen, daß sich eben in
solchen Grenzgebieten auch eine ganze
Menge kriminelle Energie ansammelt, im
Bereich des Grenzschutzes natürlich der
illegale Menschenhandel. Da können die
Kollegen, der Herr Meier aus Frankfurt,
sicherlich noch etwas mehr dazu sagen,
das verkneife ich mir jetzt, da sind Sie
der Fachmann, und es ist natürlich
auch, das sind natürlich die
Eigentumsdelikte, Ladendiebstahl und
vieles andere mehr, wo wir natürlich
wieder immer wieder den Charme
aufbringen bei all diesen Dingen, den
Finger so tief in die Wunde zu legen,
daß es wiederum verletzend ist, denn in
den meisten Kaufhäusern in Görlitz
lesen Sie das Schild, in polnischer
Sprache natürlich,
"Eigentumsdelikte werden
strafrechtlich verfolgt" viel
größer als "Herzlich willkommen,
liebe polnische Einkäufer. Wir wissen
genau, daß Sie uns ein Viertel oder ein
Drittel unseres Umsatzes bringen."
Und das ist natürlich der Fakt, daß
durch die Verlagerung der Grenze nach
Osten hin eben auch das Einkaufsgebiet
für die polnischen Bürger eben nicht
mehr Frankfurt oder Helmstedt ist,
sondern eben Görlitz, Frankfurt und
andere Städte, die grenznah sind. Und
wir müssen ganz nüchtern feststellen,
daß eben ein Drittel oder ein Viertel
des Umsatzes im Einzelhandel durch
polnische Einkäufer gebracht wird, und
das ist wiederum jeder vierte
Arbeitsplatz im Einzelhandel, kann man
dann mal so, es stimmt nicht ganz die
Rechnung, es ist ein bißchen pauschal,
wird eben durch polnische Einkäufer
aufrechterhalten. Und in diesem
Spannungsfeld, meine sehr geehrten Damen
und Herren, ist es notwendig, die Grenze
abzubauen, sinnvoll abzubauen, langsam
abzubauen. Für uns ist es ein ganz
wichtiger Imagefaktor, positiver
Imagefaktor so wie es möglicherweise
bei Ihnen ein negativer Imagefaktor
lange Zeit gewesen ist hier in
Helmstedt, sehen wir unsere Lage als
Chance an, denn es ist völlig klar,
daß aus den Ballungsgebieten der Räume
Dresden, Leipzig oder Chemnitz der
sächsischen Ballungsräume oder gar
Berlin nur sehr wenig wirtschaftliches
Potential auf uns überkommen wird. Wir
sehen die Chance der Zusammenarbeit
natürlich auch im wirtschaftlichen
Bereich in der Zusammenarbeit mit den
polnischen Nachbarn oder eben mit den
tschechischen. Da wird Herr Liebig noch
etwas mehr dazu sagen. Allerdings ist
gerade der Bereich der Wirtschaft
derjenige, der noch am weitesten
hinterherläuft, weil dort der
Reglungsdruck am höchsten und am
weitesten ist, gerade was das Tempo der
Grenzabfertigung anbetrifft, ist es eben
für klein- und mittelständische
Unternehmen ein echtes Problem, weil sie
auf zeitgenaue Abfertigungen angewiesen
sind, und wir hatten ja heute schon von
der A 2 gehört, was da für Rückstau
ist, und ähnlich sieht es ja bei uns an
der Grenze eben auch aus. Das wird
teilweise trotz des modernsten, ich
glaube, es ist der modernste
Grenzübergang, den wir an der
EU-Außengrenze haben, in
Görlitz-Ludwigsdorf, eine
120-Mio.-Investition, die getätigt
worden ist damals, es sind
Superinvestitions-,
Superabfertigungsbedingungen,
Superarbeitsbedingungen für die
Grenzsicherungs- und die Zollbeamten
bietet, haben wir trotzdem bis zu 20 km
Rückstau an der Autobahn durch den
LKW-Verkehr, besonders so vor
Feiertagen. Also, meine sehr geehrten
Damen und Herren, weniger systematisiert
als vielmehr persönlich beeindruckt
habe ich Ihnen ein paar Schlaglichter
eröffnen wollen über die Situation,
die wir unter dem Thema "Grenzen
los" sehen und ich sag noch einmal,
das, was ich heute früh schon
andeutete, ich finde es außerordentlich
wichtig, daß wir uns in Europa über
das Thema ‘Grenzen’ etwas mehr
Gedanken machen, denn Herr Kilian hatte
ja schon fast einen philosophischen
Ansatz zu dem ganzen Thema "Was
sind uns eigentlich Grenzen wert oder
was sind sie uns nicht wert"
gebracht und das sollten wir einfach mal
vertiefen. Ich denke, einfach nur so
plakativ zu sagen, wir wollen alle
Grenzen los sein, das funktioniert
nicht, aber sich auch selbst
einzugrenzen und zu beschränken, ist
auch nicht der richtige Weg. Aus dem
Grunde freue ich mich eigentlich auf das
zweite Seminar "Grenzenlos",
wo wir das vielleicht etwas mehr dann
auch schon vertiefen können. Vielen
Dank für Ihre Aufmerksamkeit.