Grenzen

Grenzen werden seit Jahrzehnten als Kernthemen sozio-politischer, sozio-ökonomischer sowie sozio-kultureller Forschung intensivst bearbeitet. Abgrenzungen sind naturgemäß auch ein Forschungsgebiet für alle biologischen Wissenschaften wie auch die geographischen Wissensgebiete.

Dabei wird offensichtlich, dass eine Grenze, wie man sie im alltagsgebräuchlichen Umgang diskutiert und als real erlebbare Grenzeinrichtung wahrnehmen kann,  ein Phänomen gesellschaftlicher Abgrenzungen darstellt.

In der Natur sind Grenzen in der o.a. Ausführung als mehr oder minder rigide Abgrenzungen nicht oder nur selten vorhanden. Es gibt zwar Grenzsäume und Grenzgebiete und -bereiche (z. B. unterschiedlicher physikalischer Medien oder als Abgrenzung eines Organismus gegenüber seiner Mitwelt oder einzelner Zellorganisationen untereinander wie auch nach aussen hin), doch diese Grenzbereiche kennzeichnen sich bei genauerem Hinsehen durch ein markantes Unterscheidungsmerkmal gegenüber den artifiziellen, von Menschen geschaffenen Grenzen: sie sind mehr oder minder durchlässig und diese Durchlässigkeit erfolgt nach ganz bestimmten Ursache-Wirkungs-Beziehungen.

Für gewöhnlich geschieht der Austausch an diesen biologischen Grenzbereichen nach bestimmten physikalisch-chemischen und geregelt-aktiven und entwickelten Ablaufschemata. Die biologischen Wissenschaften weisen uns darauf hin, dass die Austauschschemata als solches hochkomplexe und sich stets anpassende bis hin zu selbststeuernde Systeme darstellen, die von der molekularen Ebene bis hin zur konkreten Ausbildung in einem bis dato erst teilweise nachvollziehbaren Ursache-Wirkungs-Geflecht stehen.

Was sie jedoch alle grundlegend kennzeichnet ist, dass diese Grenzbereiche, so sehr sie sich auch durch wahrnehmbare, messbare Strukturen und Stoffaustausche darstellen, eher Wirkoberflächen als rigide abgeschirmte Schutzflächen darstellen, wobei einem in diesem Kontext natürlich sofort  die Schutzpanzer von Schildkröten einfallen, die aber bei genauerer Analyse auch wieder keine glatte und undurchlässige, nicht im Austausch mit dem umgebenden Medium stehende Grenzschicht darstellen. Erst durch diese Oberflächen wird der Stoff- und damit Informationsaustausch gewährleistet. Und erst dieser Informations- und Stoffaustausch generiert eine unglaubliche Vielfalt an Erscheidungsformen, die unsere Erde einzigartig machen im uns bekannten Universum. Dennoch ist diese Permeabilität nicht zu verwechseln mit qualitativen Kennzeichnungen in der von Menschen getragenen Gesellschaftswertung. Durchlässigkeit bedeutet nicht ohne Konflikte oder gar wehrlos oder gar friedfertig. Ganz im Gegenteil, die biologischen Wissenschaften kennen eine Vielzahl von Grenzbereichen eines Organismus, die mit Abwehr- und Beutefangvorrichtungen ausgestattet sind (z. B. Nesselzellen bei Quallen), die höchst effektiv sind und bei nur einmaliger Berührung zum Exitus des berührenden Lebewesens führen können.

Dieses Forum möchte deshalb keine „Abgrenzung“ von Wissensgebieten vornehmen, sondern viel mehr einladen zum Austausch zwischen den Wissensgebieten, um einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass das, was vor Ort über Jahrzehnte jeglichen Austausch verhinderte (die innerdeutsche Grenze) als die für das Gesellschaftssystem schädlichste und negativ beeinträchtigendste Grenzziehung zu deklarieren.

Abgrenzungen sind ein Kennzeichnen des Leben und aller uns bekannten Gesellschaftsformen. Insbesondere scheinen gerade Grenzsäume zwischen organischer und anorganischer Mitwelt in einer zwingenden Zwischenabhängigkeit zu bestehen Jeglicher anorganischer Grenzsaum ist durch ein Vielzahl organischer Lebensgemeinschaften gekennzeichnet, die sich eben gerade wegen dieses Grenzsaums dort etablieren und fortpflanzen können.Alle uns bekannten Gesellschaftsformen grenzen sich untereinander und gegeneinander ab. Es ist demnach interessant zu wissen, wie genau und zu welchem Zweck und vor allem mit welcher Wirkung auf die Mitwelt dies geschieht.

Vielleicht kann dieses Forum mit dazu beitragen, dass gerade die politisch tätigen Entscheider und Entscheiderinnen sich darauf besinnen, dass es messbare Nachteile gibt, wenn sie artifizielle Konstrukte schaffen, die den Informationsfluss und Warenstrom einseitig behindern bis unmöglich machen. Selbst die innerdeutsche Grenze hatte kontrollierte Durchlässe (z. B. in Helmstedt/Marienborn).